Auf ein Neues

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich meinen letzten Beitrag zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) veröffentlicht habe. Unterdessen habe ich meinen Benzodiazepin-Entzug erfolgreich (zumindest mehr oder weniger) durchgestanden, habe im August mein Psychologiestudium begonnen und konnte mir einen Praktikumsplatz an einem psychologischen Institut in der Forschung ergattern – auf ein Neues! Ich freue mich auf diesen neuen Lebensabschnitt im Bewusstsein, dass mir meine Erkrankung auch dieses Mal einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Ich versuche dabei, optimistisch zu bleiben. Schliesslich habe ich in den letzten zwei Monaten grosse Fortschritte in der Therapie gemacht.

Wie das Leben so spielt, waren die letzten Wochen aber kein kontinuierlicher Steigerungslauf, sondern sie waren auch mit Rückschlägen verbunden. Meine WG wurde ziemlich durchgerüttelt: Sie mussten alle die Annäherung von Arnold, einem weiteren Persönlichkeitsanteil, akzeptieren, was nicht frei von anfänglichem Unbehagen war. Arnold gehört zu jenen Persönlichkeitsanteilen, welche sich in der Vergangenheit als besonders selbstzerstörerisch bzw. dysfunktional entpuppten. Er scheint enorm traumatisiert zu sein und hat noch immer das Gefühl, in der Vergangenheit zu leben und der Gefahr ausgesetzt zu sein. Dass er dabei das Leben als nicht-lebenswert betrachtet erscheint zumindest mir verständlich. Ich habe Mitleid mit ihm, denn er leidet momentan Höllenqualen. Er berichtet mir von häufigen, intensiven und schrecklichen Flashbacks, welche bei ihm die selbstzerstörerischen und suizidalen Gedanken auslösen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was er durchmacht. Seine Verzweiflung führte offenbar heute dazu, dass er sich wieder selbst verletzt hat. Ich habe daran keine bewusste Erinnerung. Dieser Umstand ist ein wenig ernüchternd, da ich gehofft habe, dass ich durch die Annäherung in der Therapie weniger Erinnerungslücken und damit mehr Kontrolle haben werde.

Dies zeigt es einmal mehr – es ist noch ein langer Weg zu gehen. Die intensive Therapie ist sehr ermüdend und dieser ständige innere Kampf zwischen lebensbejahenden und suizidalen Anteilen ist kräfteraubend. Ich versuche mit zukunftsgerichteten Tätigkeiten wie meiner Arbeit oder dem Studium diese Persönlichkeitsanteile zu stärken, welche leben wollen. Zudem habe ich ein Plakat gemalt und in meiner Wohnung aufgehängt, das mich daran erinnern soll, dass wir heute in einer anderen Zeit leben und die Gefahr vorbei ist. Meine Mitbewohner reagieren dabei ganz unterschiedlich auf meine momentane Situation. Einige beschweren sich lauthals, weshalb ich nachts nicht schlafen kann. Wieder andere sind neugierig und Tim ist es sowieso egal (typisch Teenager!). Aus diesem Grund herrscht ein richtiges Wirrwarr in meinem Kopf und die Wechsel zwischen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen scheinen häufiger zu sein, was regelmässige Gedächtnislücken zur Folge hat.

Ich bin total gestresst, unruhig und ich zittere und leide unter Übelkeit. Zudem plagen mich seit ein paar Tagen Angstattacken, welche mich in meinem Alltag ziemlich einschränken. Umso glücklicher bin ich, dass ich das Studium als Fernstudium absolvieren kann. Dies erlaubt es mir, zeit- und ortsunabhängig zu studieren, weshalb die häufigen Persönlichkeitswechsel (und die damit verbundene Unfähigkeit einiger Persönlichkeitsanteile, zu studieren) nicht so arg ins Gewicht fallen. Fazit: Ich befinde mich an einem Neuanfang. Mit guter Organisation, viel Verständnis von meinem Umfeld und dem Vermeiden von Fehlern aus den vergangenen Jahren bin ich vorsichtig optimistisch, dass es nun aufwärts geht. Ich halte euch auf dem Laufenden!

–Chantal

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