Der psychische Notfallkoffer

Vermutlich ist es schon bei mehreren von euch vorgekommen, dass ihr nicht wusstet, was ihr mit euch anfangen sollt – speziell wenn die Tagesstruktur fehlt. Bei mir ist das momentan (noch) der Fall, da ich meine neue Arbeitsstelle erst in einer Woche antrete. Wenn ich so alleine in meiner Wohnung – neuerdings ohne meinen Kater Bailey – sitze, kommen viele verschiedene Gedanken auf. Doch mein Hauptproblem ist, dass die Langeweile sog. Gedankenkreisen auslöst. Meine Gedanken drehen sich dabei immer um die gleichen Dinge wie, dass ich nichts wert und Schuld an meiner Situation bin. Das kann soweit gehen, dass sich die Gedanken um den Tod oder um selbstverletzendes Verhalten drehen und die Anspannung immer weiter wächst.

So sieht mein Notfallkoffer aus.

Ich habe die Hoffnung, dass das Schreiben dieses Beitrags mir endlich die Augen öffnet, was ich in dieser Situation tun kann – schliesslich will ich meine wöchentlichen Besuche auf der Notfallstation um jeden Preis vermeiden.

Notfallkoffer Teil 2

Ich hatte in den letzten beiden Tagen genau dieses Problem. Die Gedanken, sich etwas anzutun wurden stärker als ich allein war, was schlussendlich zur Dissoziation und erneuten Selbstverletzung führte. Eigentlich bin ich ein Huhn – ich merke genau, wenn es kritisch werden könnte und unternehme trotzdem nichts dagegen. Was merkt man bei der sogenannten „Anspannung“, die einer Dissoziation (=Abspaltung) vorangeht. Der Herzschlag wird schneller, die Muskeln sind gespannt, ich atme schneller und meine Gedanken sind total eingeengt und fixiert auf nur ein Thema: sich weh zu tun. Doch was kann ich dagegen tun?

Grosse Anspannung (>70%)

  1. Ammoniak riechen
  2. Brausetabletten einnehmen
  3. Scharfe Gummibärchen
  4. Kalte Dusche
  5. Telefonat mit dem Therapeutenteam
  6. Eskalation: Klinik

Mittlere Anspannung (30-70%)

  1. Joggen/Fahrradfahren
  2. Liegestütze
  3. Zauberwürfel
  4. Sudoku
  5. Igelball

Tiefe Anspannung/Stimmenhören (<30%)

  1. Putzen
  2. Musik hören
  3. Sport
  4. Innere Konferenzen

Nicht alle dieser sog. Skills müssen jedes mal angewendet werden. Manchmal ist man unterwegs und kann nicht einfach kalt duschen gehen. Deshalb ist es wichtig für jedes Anspannungs-Level die richtigen Skills auszuwählen. Ergänzt wird der Notfallplan durch diverse Telefonnummern, die ich aber aus Datenschutzgründen hier nicht preisgebe. Wichtig ist sicherlich, sich die Nummer des Therapeuten, der Klinik und die Notfallnummer 144 aufzuschreiben. Ich kann bestätigen, dass in Momenten hoher Anspannung, diese Nummern nicht so leicht abrufbar sind und es ist gut, sie irgendwo abgespeichert zu haben.

Momentan schätze ich meine Anspannung eher tief ein, da ich fähig bin diesen Text zu schreiben und ich mich relativ entspannt fühle. Einzig das Stimmenhören beschäftigt mich ein wenig, aber das ist nicht weiter schlimm. Deswegen entscheide ich mich nach Beendigung dieses Artikels etwas Musik zu hören, um runterzukommen. Ich hoffe, ich konnte euch den einen oder anderen Tipp geben. Nur noch als Anmerkung: Druckt den Notfallplan aus und hängt ihn gut sichtbar irgendwo hin – am besten an den Kühlschrank und eine Miniaturversion in euren Notfallkoffer. Ihr könnt ihn auch fotographieren und im Handy abspeichern, dass ihr ihn immer bei euch habt. Wichtig ist, dass ihr euren Notfallplan so konzipiert, dass ihr ihn zu jeder Zeit auch ausführen könnt.

–Toby

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

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Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

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