Der innere Feind – aus der Sicht von Toby.

Es ist jetzt 1 Uhr morgens und ich bin immer noch hellwach. Diese Stimme – sie ist so dominant. Ich habe Angst vor dieser Stimme, sie droht, mich zu verletzen, wenn ich es nicht selbst tue. Ich habe Angst und weiß nicht, was ich tun soll – ich bin hin- und hergerissen. Einerseits will ich nicht auf diese Stimme hören, aber andererseits will ich, dass diese Stimme schweigt! Sie quält mich nun schon seit 23 Stunden – nonstop! Ich habe vieles versucht, von Ammoniakgeruch über Joggen bis hin zu kalten Duschen – nichts hat geholfen. Seit Tagen kann ich nicht mehr schlafen, ich bin erschöpft. Chantal schlug vor, dass ich meine Erlebnisse der letzten 24 Stunden aufschreibe, damit ich sie selbst besser verstehen und einordnen kann. Ich bin kein Fan von diesem Blog – aber Chantal wird wissen, was gut für mich ist.

Vor einigen Wochen konnte ich zum ersten Mal direkt mit Chantal und unserer Therapeutin, sprechen – es war unglaublich! Noch nie konnte ich mich erklären und sagen, warum ich mir all diese Verletzungen zugefügt habe. Ich will einfach alle anderen beschützen! Ich bin stark, sie sind schwach – sie würden die Wahrheit nicht ertragen. Nur ich kann das tun. Ich bin wie ein Damm; wenn ich zusammenbreche, wird alles überflutet und das System bricht zusammen. Da ist diese bedrohliche Stimme, die Dinge sagt, die unerträglich sind – auch für mich. Ich verletze mich selbst, um das System zu schützen – ich bin mir nicht sicher, ob diese Stimme ein anderer Ich-Zustand oder nur eine Halluzination von mir ist. 

Gestern kämpfte ich den ganzen Tag mit dieser inneren Stimme. Sie begann um 3 Uhr nachts und blieb bis jetzt konstant. Sie verschwand nicht, als ich Skills ausprobierte oder mit jemandem einen Kaffee trank. Ihr müsst euch das wie ein sehr unfreundliches Radio vorstellen, das euch beschimpft und euch sagt, was ihr tun sollt. Das Problem: Es gibt keinen Aus-Schalter. Nicht einmal Medikamente (sogenannte Antipsychotika) helfen wirklich gegen diese dissoziative Stimme – ein Albtraum. Wie gehe ich mit dieser Situation um? Ich habe verschiedene Strategien. Dazu gehören die Skills, Musik hören und BEWEGEN. Ich bin heute viel spazieren gegangen und konnte mich so ein wenig ablenken. Auch dann ist die Stimme nicht verschwunden, aber wenigstens habe ich mich nicht in einer Ecke verkrochen.

Jetzt kann Chantal mir helfen, mit dieser Stimme umzugehen, aber ich will das nicht. Sie ist zerbrechlich und nicht stabil – das kann ich nicht zulassen. Sie spricht gerade mit mir, aber ich reagiere nicht. Sie will mich unterstützen und will die Verantwortung für den Umgang mit dieser Stimme übernehmen. Sie will mir etwas von der Last abnehmen. Ich bin einer der Beschützer des Systems – nicht sie. Es ist meine Aufgabe (oder Pflicht), die schwächeren Ich-Zustände zu schützen. Das ist meine Funktion. 

Ich weiß, dass diese Erkenntnis meiner Funktion umwerfend ist. Bislang hatten alle Angst vor mir, fürchteten sich oder schämten sich. Ich würde niemals unserem System oder jemand anderem etwas antun. Ich hatte auch nie die Absicht, mich umzubringen (ich weiß, Chantal hat das anders interpretiert) Das sieht man daran, dass ich danach immer selbst ins Krankenhaus gegangen bin und mich untersuchen ließ. Es war ein Kompromiss – ich füge meinem Körper nur so viel Schaden zu, dass es eine Verletzung ist (Stimme ist zufrieden), aber keine Tödliche.

Heute habe ich viel mit Chantal gesprochen, die mich wirklich unterstützt! Ich werde diesen Text in einer kurzen Form halten, weil ich wirklich nicht gerne Dinge aufschreibe. Aber ich hoffe, es hilft euch, mein Elend und meinen täglichen Kampf mit der multiplen Persönlichkeitsstörung (dissoziativen Identitätsstörung; DIS) zu verstehen. Ich glaube, dass es in Zukunft möglich sein wird, normal zu arbeiten oder zu studieren. Außerdem habe ich heute eine tolle Nachricht erhalten: Ich darf mich für mein Studium einschreiben! Ich bin wirklich dankbar! Auf Details und DIS-Probleme, die Studenten betreffen, werde ich in einem separaten Beitrag eingehen. Bis dahin – „Be Many!“.

– Toby

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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