Die psychiatrische Klinik: ein Schauermärchen

Nichts wird in den Medien dermassen falsch dargestellt als ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Ist von früher der Begriff „Irrenanstalt“ geblieben, so hat die moderne Psychiatrie doch wenig mit den Schauermärchen von damals gemeinsam. In diesen Kliniken, in denen ich war, wurde man nicht automatisch in eine abgeschlossene Gummizelle gesperrt oder Zwangsmedikation verabreicht. Nein, man versucht mit dem Patienten Abmachungen zu treffen und trifft zusammen mit dem Patienten Entscheidungen – sei dies medikamentös oder sonstige therapeutische Massnahmen. Ich kann euch sagen, die Psychiatrie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und kann nicht mit der Psychiatrie von vor 80 Jahren verglichen werden.

Ärzteblatt.de

Die Kliniken befinden sich zwar häufig immer noch ausserhalb des Stadtzentrums, was mich persönlich am meisten stört. Dies geht auf die frühere Psychiatrie zurück, wo die „Verrückten“ am Besten ausserhalb der Stadtmauern untergebracht waren. Es gibt vereinzelt andere Beispiele, bei denen die Psychiatrie in das Spital integriert wird, was ich persönlich sehr toll finde. Die somatische (=körperliche) Medizin und die psychische Gesundheit gehen Hand in Hand und sollten deshalb auch nahe bei einander liegen. Stellt euch nun vor, jemand verletzt sich selbst und muss genäht werden. Ein Spital mit einer Notaufnahme in der Nähe zu haben, ist sicher ein Vorteil. Zudem haben somatische Patienten nicht selten auch psychiatrische Symptome wie Depressionen oder Angststörungen, was eine unkomplizierte Anbindung an psychologische Betreuung nötig machen kann.

Weiter ist mir aufgefallen, dass sich selbst ältere Psychiatrien darum bemühen, dem Patienten ein angenehmes Ambiente zu schaffen. Die Räume wirken hell, haben viele Fenster (natürlich mit Doppelverglasung) und der Fussboden ist teilweise aus Holz. Die Innenbereiche sind geschmückt mit Fenstermalereien oder sonst zu Saison passendem Schmuck. Ich glaube, dass dieses offene Setting dem Patienten wirklich die Chance gibt, zu gesunden. Bunker und Isolationszimmer sollten (wenn möglich) verhindert werden. Manchmal lässt es bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung nicht zu, die Patienten auf der offenen Station zu halten, da braucht es zum Schutz des Patienten vorübergehend schärfere Massnahmen und regelmässige Reevaluationen. Ich denke, das Setting, in welchem der Patient lebt, spielt eine entscheidende Rolle in seinem Genesungsprozess. Ist alles Grau in Grau lässt es sich nur schwer gesunden und andere psychische Erkrankungen können auftreten.

FAZIT: Die Tatsache, dass die Psychiatrie immer mehr in das Konzept des somatischen Spitals eingebettet wird ist eine positive Entwicklung. Entwicklungsbedarf bedarf es in Sachen Individualität der akut-psychiatrischen Behandlung, bei der bei allen psychisch Kranken dasselbe therapeutische Programm wie Ergo-, Mal- oder Bewegungstherapie angewandt wird. Ein individuellerer Ansatz z.b. unter Bezug auf die Wünsche und Vorstellungen des Patienten wäre wünschenswert. Dies ist natürlich ein Trade-Off zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Patienten und der personellen und strukturellen Machbarkeit seitens der psychiatrischen Klinik – doch das ist ein anderes Thema.

–Chantal

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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