Netflix-Klassiker „Split“ aus der Sicht einer DIS-Patientin

War es Zufall? Oder Schicksal? Nur wenige Wochen bevor ich die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung erhielt wurde ich im Internet auf den 2016 erschienen Netflix-Film „Split“ aufmerksam. Ihr wisst nicht worum es geht? Ich liefere euch eine kurze Zusammenfassung: Ein Mann entführt drei junge Mädchen und sperrt sie bei sich zu Hause in ein Zimmer ein. Der Plot entwickelt sich so, dass sich herausstellt, dass die der Mann „Kevin“ verschiedene Persönlichkeiten aufweist, also an einer dissoziativen Identitätsstörung leidet. „Patricia“, „Dennis“ und „Hedwig“ und andere übernehmen regelmässig die Kontrolle über Denken, Fühlen und Handeln der Hauptperson. Im Verlauf wird deutlich, dass der Mann eine noch unbekannte Persönlichkeit hat, die gefährlich sein soll und auf die Dennis, Patricia und co. sich vorbereiten. Der Psychothriller entwickelt sich dahingehend, dass die Mädchen und auch die Therapeutin des Protagonisten reihenweise von ihm getötet werden. Mehr verrate ich nicht – wenn Ihr wollt könnt Ihr euch selbst ein Bild davon machen. Ich würde es allerdings nicht empfehlen und zwar aus folgenden Gründen:

  • Gewalttätigkeit
    Der Film impliziert, dass DIS-Patienten per se gewalttätig sind. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass das nicht zutrifft. Ja, es gibt aggressivere Anteile, ABER. Die Aggression richtet sich weitaus häufiger gegen sich selbst als gegen andere. Eine Studie belegt, dass ca. 3% der DIS-Patienten ein gewalttätiges Verhalten zeigen und nur gerade 1% war im Gefängnis. Ihr seht – nur ein kleiner Teil macht sich strafbar.
  • Unnatürliche Switches
    Das ist etwas, das mich in Filmen zur DIS immer wieder stört – diese unnatürlichen Geräusche, Kopfbewegungen oder Gestiken, die den Übergang von einer Persönlichkeit in die andere symbolisieren. Das entspricht nicht der Realität! Dies wird in solchen Filmen überspitzt dargestellt, weil es ja sonst nicht „sensationell“ ist und man einen unsichtbaren Übergang am Bildschirm auch gar nicht mitbekommen würde.
  • Zu krasse Wechsel in Kleidung/Stimme und Verhalten
    „Patricia“ trägt Frauen- und „Hedwig“ Kinderkleidung. „Dennis“ ist der einzige Brillenträger. Dies sind Merkmale, die die verschiedenen Persönlichkeiten charakterisieren. Doch auch hier: das ist nicht immer so krass. Gerade Switches zwischen erwachsenen Persönlichkeiten sind von aussen häufig nicht sichtbar. Und das ist auch gut so – ich erkläre euch warum: Dissoziative Systeme sind darauf ausgerichtet unentdeckt zu bleiben. Es war dies eine Überlebensstrategie, die der Aufrechterhaltung des Systems diente. Es ist also weitaus wahrscheinlicher, dass man die unterschiedlichen Persönlichkeiten jemandem nicht ansieht. Zum Teil kommen diese Wechsel nur in der Therapie – wenn überhaupt – zum Vorschein. Die Patient*Innen tun in der Regel alles, um unentdeckt zu bleiben, weil sie sich für ihre Beeinträchtigung schämen.

Aus meiner Sicht hilft dieser Film in keinster Weise, um einem breiteren Publikum die dissoziative Identitätsstörung näher zu bringen. Es ist schade! Ich gebe zu – die schauspielerische Leistung von James McAvoy war sicherlich meisterlich. So viele Persönlichkeiten zu verkörpern ist eine Höchstleistung. Trotzdem sehe ich den Film sehr kritisch. Er nährt den Boden für weitergehende Stigmatisierung von DIS-Patienten und erschwert deren Situation zusätzlich. Wie ich schon einmal erwähnt habe, leiden DIS-Patienten sehr unter ihrem Zustand – das wird durch einen absurden Hollywood-Film nicht gerade besser. Deshalb sage ich: Aufgepasst! Wenn Ihr euch diesen Film zu Gemüte führt, behält immer im Hinterkopf, dass dies eine Sensationaliserung einer eigentlich unauffälligeren Erkrankung ist. Cheers!

–Svea

In English:

https://be-many.medium.com/netflix-classic-split-from-the-perspective-of-a-did-patient-f342f9d4ef4f

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

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Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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