Undenkbar: ein Blick auf die „schönen“ Seiten der dissoziativen Identitätsstörung.

Wie ich bereits in früheren Beiträgen erwähnt habe, erscheint das Leben mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS, syn.: multiple Persönlichkeitsstörung) auf den ersten Blick erschreckend und herausfordernd – und das ist es auch! Die häufigen Gedächtnislücken, Stimmungsschwankungen und Selbstverletzungen zerren an den Nerven der Betroffenen und der Menschen in ihrer Umgebung. Ein zentraler Bestandteil der DIS-Therapie ist es, die verschiedenen Ich-Zustände anzuerkennen – mit all ihren positiven und negativen Seiten. Ich muss gestehen – das ist wirklich schwer! Besonders bei destruktiven Ich-Zuständen wie Toby, Svea oder Emily fällt es mir sehr schwer, die positiven Aspekte zu sehen. Dennoch haben wir (mein Therapeut und ich) einige interessante Eigenschaften gefunden, die in jedem (!) Ego-State als positiv angesehen werden können. Manchmal erlebe ich so bizarre Dinge, dass sie sehr amüsant sind, wenn ich sie im Nachhinein lese. Ich denke da an Tims Friseurbesuch oder Kikis Plüschtiermanie bei IKEA! Außerdem ermöglichen es die Ich-Zustände auch, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Zum Beispiel sieht sie mit den Augen eines Kindes (Kiki) anders aus als mit den Augen einer 40-jährigen manischen Frau (Lia) oder eines Mannes (Tim). Ich denke, dass dieser Umstand mein Leben wirklich bereichert und es faszinierend macht (vor allem für den Host „Chantal“). Da ich in Zukunft einige gruselige und erschreckende Geschichten schreiben werde, möchte ich mich heute auf die positiven Aspekte der DIS konzentrieren – Ihr werdet überrascht sein! Ich werde euch die Vorteile jedes einzelnen Ich-Zustandes aufzeigen. Es geht hier nicht darum, die Funktion oder die Entwicklung der verschiedenen Ich-Zustände aus wissenschaftlicher Sicht zu erklären – darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt eingehen. Als Nachtrag zu „Eine Wohngemeinschaft – ein Überblick über meine 8 Ich-Zustände“ beginnt der Text mit dem jüngsten Ich-Zustand, gefolgt von den anderen in aufsteigender Reihenfolge. Wie beim letzten Mal wird dies ein sehr persönlicher und nicht-wissenschaftlicher – aber auch Hoffnung gebender – Beitrag sein. Viel Spaß beim Lesen!

Kiki: Sie ist sorglos und voller Neugierde. Sie entdeckt ständig neue Dinge und erfreut sich an den kleinen Dingen des Lebens. Sie ist ein Ich-Zustand, der verspielt ist und noch Kind sein darf! Sie ist ein interessantes Gegengewicht zu den anderen Ich-Zuständen, die alle erwachsen sind (außer Tim). Wie man so schön sagt: „Betrachte die Welt mit Kinderaugen und du wirst sehen, dass sie voller Wunder ist!“

Tim: Dies ist ein Ich-Zustand, der viele positive Aspekte hat! Er ist offen für neue Dinge, experimentierfreudig, mutig und furchtlos. Außerdem ist er sehr kreativ, und seine Faulheit zeigt, dass er keinen so Erfolgsdrang hat wie die anderen Ich-Zustände (Lia, Chantal). Er ermöglicht somit ein Gleichgewicht zu ihnen. Außerdem ist es sehr speziell und unterhaltsam, die Welt durch die Augen einer männlichen Person zu sehen (vor allem, wenn man danach das Tagebuch liest ;-)).

Chantal (Host): Ich bin sehr reflektiert, analytisch und funktioniere einfach im täglichen Leben. Ich organisiere alles und mache die Analysen des Tagebuchs oder der Therapiesitzungen. Ich bin auch sehr humorvoll (siehe Bild) und in der Lage, mit anderen auf „normale“ Weise zu interagieren (was auch immer „normal“ bedeutet – ich bin sicher, wenn mein Therapeut das lesen würde, wäre er nicht glücklich ;-)) - was ich meine: zumindest ist dieser Ich-Zustand der sozial akzeptabelste und die meisten meiner Freunde kennen mich als Chantal („Chanti“). Außerdem bin ich in der Lage, zu arbeiten oder zu studieren und somit Fähigkeiten zu erwerben, um in der „gesunden Arbeitswelt“ zu überleben. Ein Gleichgewicht zwischen Selbstvertrauen und Selbstkritik zeichnet mich aus.
Chantal ist immer für einen Scherz zu haben :-) - mit Juanito!

Lena: Auf den ersten Blick denkt ihr wahrscheinlich, dass Lena (zur Erinnerung: Panikattacken, Albträume, Angst) keine Vorteile hat. Ich werde euch vom Gegenteil überzeugen! Lena ist sehr wachsam und immer auf das Schlimmste vorbereitet. Sie reagiert angemessen auf gefährliche Situationen und hat Angst oder rennt weg. Damit erfüllt sie eine Schutzfunktion für unsere Wohngemeinschaft!

Toby: Wie Lena wird auch Toby meist nur als zerstörerisch angesehen. Aber auch hier zeige ich euch, dass er auch seine positiven Seiten hat! Er ist zielstrebig in dem, was er tut, wagt manchmal riskante Aktivitäten und ist sehr genügsam. Wie ich ihn in früheren Beiträgen charakterisiert habe, lädt er die Schuld für vergangene und gegenwärtige Situationen auf sich. Er ist aber auch beschützend: Er übernimmt Verantwortung für die Gemeinschaft, während andere Ich-Zustände dazu neigen, sich zu verstecken. Meiner Meinung nach schützt er die schwächeren Ego-States, da er in „gefährlichen“ Situationen oft dominant ist. Außerdem denke ich, dass er mit seinen Selbstverletzungen auch Warnsignale an das System sendet, dass die Situation nicht mehr tragbar ist.

Emily: Die depressive Emily hat in erster Linie eine beruhigende Funktion. Ihre ruhige und schläfrige Art entschleunigt das System und beruhigt die anderen Ich-Zustände. Indem sie viel weint, kann sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, was entlastend sein kann. Sie ist oft dominant nach Lia und hat eine stabilisierende Wirkung auf das System. Ich verstehe das als einen Mechanismus, um Lias übermäßige Energie zu kompensieren.

Svea: Sie hat sehr viele positive Seiten! Sie lebt ihre Emotionen aus und staut daher nicht alles in sich hinein. Sie erlebt die Emotionen sehr intensiv – sowohl im Positiven als auch im Negativen. Deshalb nennt man sie auch den „Borderline“-Teil. Das heißt, sie ist zu extremer Freude und Liebe fähig – wunderbar! Sie erfüllt auch eine Schutzfunktion, denn sie ist in der Lage zu kommunizieren und sich zu verteidigen. Außerdem ist sie in der sozialen Interaktion sehr direkt, so dass man als Außenstehender immer weiß, woran man ist.

Lia: Meine liebe Lia – ich liebe dich! Ihre übermäßige Energie und ihr Arbeitswille sind erstaunlich. Sie ist in der Lage, stundenlang zu lernen oder zu arbeiten, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hat die Masterarbeit in nur 2 (!) Wochen geschrieben, ist sehr leistungsfähig und effizient. Da sie etwa 40 Jahre alt ist, bringt sie auch eine gewisse Reife mit, weshalb ich oft als ältere Person wahrgenommen werde. (Ich fasse das als Kompliment auf ;-)) Außerdem ist sie sehr selbstbewusst und kann sich gut behaupten, besonders im beruflichen Umfeld.

Wie ihr seht – mein Leben ist nicht immer erschreckend. Sich in verschiedenen Ich-Zuständen zu befinden und bestimmte Dinge „in“ ihnen zu tun/denken, eröffnet mir eine ganz neue Welt. Obwohl ich mir der Ich-Zustände meist nicht bewusst bin (abgesehen von Chantal), lese ich sie im Nachhinein im Tagebuch. Manchmal ist es wirklich amüsant! Durch das Führen meines Tagebuchs (ein Geheimtipp von mir für Peers) kann ich nicht nur den Tagesablauf rekonstruieren, sondern auch die positiven Aspekte der Ich-Zustände herausfinden. Damit habe ich einen ersten Schritt zur Akzeptanz ALLER Ich-Zustände gemacht. Ich wünsche mir, dass ihr beim Lesen zukünftiger Texte immer mal wieder an diesen Beitrag denkt – ihr werdet viel Negatives lesen, deshalb ist es wichtig, sich immer die positiven Aspekte vor Augen zu halten! (das gilt übrigens nicht nur für meine Beiträge – es ist eher eine Lebenseinstellung) Bis zum nächsten Mal!

–Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/unthinkable-looking-at-the-bright-sight-of-dissociative-identity-disorder-2f94e207bebc

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

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Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

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Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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