„Was fällt dir ein…?“

„Be Many!“ ist zurück – dieses Mal mit einer neuen Story, die eine Problematik der dissoziativen Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeit) sehr schön aufzeigt – die soziale Verachtung bei sichtbaren Selbstverletzungen. Ich weiss – es ist wieder ein unangenehmes Thema, das ich anspreche. Ich erlebe fast täglich Dinge, die mir extrem weh tun und die mich darin bestärken, diesen Blog weiterzuführen. Es geht also in der Folge um Reaktionen auf meine Selbstverletzungen. Wie auch schon in vorherigen Posts möchte ich auf Folgendes hinweisen: Wenn du dich labil fühlst, es dir nicht gut geht oder du den Wunsch hast, dir etwas anzutun, lies bitte a) diesen Artikel nicht und b) hol dir Hilfe! Heute bin es ausnahmsweise mal ich (Svea), die das Schreiben dieses Artikels übernimmt. Dies aus dem Grund weil ich einfach extrem wütend bin und diese Frau am liebsten anschreien möchte! Leider war ich in der Situation nicht im Vordergrund und Chantal, die damals gemäss Tagebuch in charge war tat einfach NICHTS – unglaublich. Deshalb muss es jetzt von mir raus. Ich habe das Tagebuch gelesen und fand für den besagten Tag folgenden Eintrag:

„Was fällt dir ein? Zieh gefälligst lange Kleidung an! Was denken bloss die Kinder und überhaupt stell deine Narben nicht zur Schau, du willst ja nur Aufmerksamkeit!“

unbekannte Fremde mit einem Problem

Was hättet Ihr getan? Also ich hätte dieser Frau alle Schande gesagt! Doch wie reagiert man in solchen Situation am besten? Wie gesagt, für mich käme nur die offensive Variante mit einer verbalen Attacke in Frage – sonst nichts. Ich habe mal ein wenig recherchiert und folgende Möglichkeiten gefunden:

  1. Mein Favorit: Die verbale Gegenattacke – ein Kampf, der bis zum Ende ausgefochten wird.
  2. Man hält der guten Frau einen 5-minütigen Vortrag zur DIS und hofft auf Verständnis.
  3. Es zur Kenntnis nehmen und daran denken, dass diese Person vielleicht auch Probleme hat.
  4. Man tut NICHTS!
  5. Man sagt ihr, dass es sie nichts angeht und sie nicht hinschauen muss.
  6. Man lässt sie ein Foto machen 😉

Ihr seht, es gibt einige Möglichkeiten, wie man in so einer Situation reagieren kann. Chantal entschied sich, die Frau zu ignorieren und einfach weiter zu laufen (wie gesagt hinterfrage ich dieses Vorgehen!). Gemäss Tagebuch hat sich meine Therapeutin im anschliessenden Therapiegespräch für Variante 3) ausgesprochen. Ich denke auch, dass diese Frau entweder selbst Probleme hat oder jemanden kennt, der eine ähnliche Problematik hat. Was hätte eine wildfremde Frau für einen Grund mich einfach so anzufahren?

So das ist jetzt genug von Svea gewesen – nun bin ich (Chantal) an der Reihe! Tut mir Leid für den emotionalen Ausbruch von Svea. Ich werde das Ganze jetzt analysieren (Notiz: Svea’s Text liess ich absichtlich so, wie er von ihr geschrieben wurde). Es ist eine klassische Situation, in der Svea zum Vorschein kommt – eine Provokation und das Gefühl diskriminiert/stigmatisiert zu werden. Sie reagiert sehr emotional und sarkastisch (Foto…) und ich kann mir vorstellen, dass sie ziemlich aufgewühlt gewesen sein muss. Ich finde nachwievor, dass ich in der Situation richtig gehandelt habe. Option 3 wäre allerdings auch für mich denkbar gewesen, nur möchte ich nicht jedem, der mich für mein Aussehen kritisiert gleich unterstellen, krank zu sein. Ich kann diese Reaktion ja bis zu einem gewissen Grad auch verstehen – meine Arme und Beine gewinnen wirklich keinen Schönheitswettbewerb. Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, die Narben zu zeigen, doch wieso?

Ich möchte klarstellen, dass ich finde, dass die Verletzungen nicht auf dem Silbertablett serviert werden müssen, d.h. dass frische Verletzungen versorgt gehören (d.h. abgedeckt mit einem Verband oder dergleichen – so wie es psychisch Gesunde auch tun würden). Was aber alte Verletzungen betrifft, finde ich sollte man offensiv (und damit meine ich jetzt nicht, dass man es jedem unter die Nase reibt, wenn man ihn trifft) damit umgehen. Ich handhabe das folgendermassen: Ich verhalte mich ganz normal und stelle die Verletzungen nicht absichtlich zur Schau, aber wenn es draussen 30°C ist wie heute, ziehe auch ich kurze Hosen und T-Shirt an! Werde ich dann darauf angesprochen, sage ich einfach – die WAHRHEIT! Ja, es sind Selbstverletzungen und ja ich bin psychisch krank, aber ich bin in Therapie. Ihr wärt erstaunt: In 90% der Fälle (das ist meine Gefühlsstatistik ;-)) erhalte ich nur positive Rückmeldungen! Ich habe es lieber, man spricht mich normal auf meine Verletzungen an, anstatt mich für ein paar Sekunden einfach anzustarren – dies so als Tipp für den Umgang mit jemandem, der sich selbst verletzt. Natürlich wünscht das jede Person anders, mich könnt ihr auf jeden Fall ungeniert ansprechen!

Ich tue dies, weil ich aufgehört habe, mich dafür zu schämen – die Narben gehören einfach zu mir und entweder es gefällt dir oder eben nicht. Ich möchte mit meiner offensiven Art keine Aufmerksamkeit oder dergleichen, sondern will erreichen, dass den Mitmenschen die Angst vor „jemandem wie mir“ genommen wird. Es gibt sehr viele Vorurteile (u.a. heisst es DIS-Patienten seien gefährlich) – darüber aber in einem späteren Post mehr. Ich habe erst vor Kurzem mein Aktivisten-Gen entdeckt und möchte aus diesem Grund, dass mehr Verständnis für die Erkrankung (und für mich als Mensch) aufgebracht wird. Mir ist dabei bewusst, dass der Anblick meines Körpers für jemanden sehr irritierend sein kann. Doch diese Narben haben einen Grund, eine Geschichte und werden nicht absichtlich verursacht. Mir ist vor allem wichtig, dass ihr – wenn ihr jemanden mit Selbstverletzungen seht – nicht gleich verurteilt, sondern die Situation differenziert betrachten könnt. Diese Personen brauchen Hilfe!

–Svea/Chantal

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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