„Wie Schweizer Käse“: der Albtraum der Gedächtnislücken.

Meine letzte bewusste Erinnerung war das Mittagessen zu Hause. Es folgt: Nichts! Das nächste, was ich bewusst wahrnehme, ist das geschäftige Treiben auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus. Was war geschehen? Ich liege in einem Krankenhausbett, angeschlossen an Überwachungsmonitore, und frage eine Krankenschwester, was mit mir los ist. Sie sagt, ich hätte mich mit Medikamenten vergiftet. Nach der somatischen Überwachung werde ich im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung in die psychiatrische Klinik eingewiesen.

Dieser Tagebucheintrag zeigt den Albtraum eines jeden Patienten, der an einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS, früher: multiple Persönlichkeitsstörung) leidet: Man tut sich unbewusst etwas an und kann sich danach nicht mehr daran erinnern – nur die körperlichen Folgen zeugen von dem Geschehenen. Diese Situation fasst zwei Aspekte der klinischen DIS-Manifestation zusammen: ein Ich-Zustand, der dysfunktional ist (d.h. nicht normal/richtig funktioniert) und sogenannte Gedächtnislücken (=dissoziative Amnesie). Bevor bei mir eine DIS diagnostiziert wurde, verletzte ich mich oft unbewusst, konnte es mir aber nicht erklären. Auch konnte ich mich an alltägliche, harmlose Dinge nicht erinnern. Die Ärzte diagnostizierten eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) mit „dissoziativen Episoden“. In diesem Sinne: eine erweiterte BPD-Version. Schon zum Zeitpunkt dieser Diagnose war ich mit dieser Erklärung für meine Gedächtnislücken unzufrieden. In Verbindung mit der Tatsache, dass ich auditive Halluzinationen (Stimmen) hatte, die eigentlich auch nicht zur BPD passen, hatte ich eigentlich immer das Gefühl, dass die Diagnose nicht vollständig war. Ich wusste, dass jeder Mensch eine natürliche Amnesie hat (frühe Kindheit: die ersten 3-4 Jahre) und für ein paar Ereignisse bis zur Schule. Natürlich gibt es auch bei gesunden Erwachsenen eine gewisse Vergesslichkeit – bei DIS-Patienten nimmt diese jedoch ein Ausmaß an, das den Alltag enorm erschwert und somit der Leidensdruck groß ist. Hier möchte ich anmerken, dass es in der Medizin (insbesondere in der Psychiatrie) ohnehin eine philosophische Frage ist – es gibt ein Kontinuum von gesund bis krank. Erst wenn eine bestimmte Schwelle überschritten ist und meist der Leidensdruck oder die Einschränkung der Lebensqualität groß genug sind, wird eine Diagnose gestellt. Menschen mit DIS können sich an einzelne Ereignisse oder ganze Reisen nicht erinnern – oft wird ihnen von anderen erzählt, was passiert ist. Ich bin zum Beispiel einmal von einer Grenze in der Westschweiz zur anderen in der Ostschweiz gereist, ohne es zu „erleben“. Das kann beängstigend und unterhaltsam zugleich sein und ist schwer zu verstehen, wenn man nicht von DIS betroffen ist. Was zum Teufel?! Es ist schwer vorstellbar, dass solche Kontrollverluste auch amüsante Nebeneffekte haben (z.B. als Tim zum Friseur ging ;-))

Dissoziative Amnesie (eine Komponente der DIS) beeinträchtigt das tägliche Leben sehr stark und verursacht Schwierigkeiten, z.B. ein Studium zu absolvieren oder zu arbeiten. Außerdem sind sie oft sozial benachteiligt: Wie ihr euch vorstellen könnt, ist es mit dissoziativer Amnesie schwierig, eine Beziehung zu führen. Es kann vorkommen, dass DIS-Patienten während ihrer „Blackouts“ bestimmte Dinge tun, die andere direkt betreffen. Also, mein Mann hat mir schon zweimal gesagt, dass ich die Scheidung will – was meint ihr, welcher meiner Ich-Zustände war in diesen Situationen präsent? Was mir in letzter Zeit aufgefallen ist, auch das sofortige Aufschreiben von Ereignissen, Gedanken oder Gefühlen kann sehr unhöflich sein. Heute war ich bei meiner Familie zu Besuch, und ich habe mir immer Notizen gemacht, um hinterher zu merken, was passiert ist – ich glaube (oder zumindest hatte ich den Eindruck), sie waren verärgert! Wie ihr seht, sind Erinnerungslücken nicht nur negativ. Aber es ist ein Phänomen, das schwer zu erklären ist. Im Folgenden werde ich es versuchen (es ist meine Theorie, die ich dazu habe):

„Dissoziative Amnesie tritt auf, wenn eine Person bestimmte Informationen ausblendet, die in der Regel mit einem stressigen oder traumatischen Ereignis verbunden sind, so dass sie sich nicht an wichtige persönliche Informationen erinnern kann.“ (WebMD) Das bedeutet, dass die Krankheit durch retrospektiv berichtete Erinnerungslücken gekennzeichnet ist. Ich werde eine mögliche Erklärung (es gibt auch andere) mit Hilfe des Konzepts der „Ego-States Theory“ (EST; Watkins & Watkins) geben. Für diejenigen unter euch, die die vorangegangenen Texte nicht gelesen haben, lautet die Theorie hinter der EST wie folgt: Die Persönlichkeit spaltet sich aufgrund traumatischer Erfahrungen in eigene Teilpersönlichkeiten, so genannte Ego-States, auf. Diese haben ihre spezifischen Eigenschaften, Gefühle und Verhaltensweisen. Sie sind zunächst vollständig voneinander getrennt. Ziel der Therapie ist es, diese Puzzleteile zu einem inneren Team zusammenzufügen und die Interaktion zwischen ihnen zu verbessern (oder zumindest die Koexistenz). DIS-Patienten sind (zunächst) nicht in der Lage, die verschiedenen Ich-Zustände zu einem großen Ganzen zu integrieren. In meinem Fall waren sich die Ich-Zustände anfangs nicht bewusst. Nach Einführung des Tagebuchschreibens und dem anschließenden Lesen in jedem Ich-Zustand konnte ich erreichen, dass die Ich-Zustände wissen, dass die anderen existieren. Aber sie sind immer noch „ängstlich“ und interagieren nicht viel (trotz der Stimmen, die ich höre).

Unverändert bin ich in den meisten von ihnen „unbewusst“ (wie ich in früheren Beiträgen erwähnte, agiert nur Chantal „bewusst“ – aus ihrer Perspektive gesehen) und leide daher unter Erinnerungslücken, die entstehen, weil diese Ich-Zustände noch zu weit voneinander entfernt sind – mühsam! Ich bin ziemlich überzeugt, dass ich eines Tages ein inneres Team bilden kann, aber nicht heute! Es wird dauern, bis ich die Therapieziele erreiche und vielleicht erreiche ich sie auch nicht – ich werde mein Bestes tun!

— Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/like-swiss-cheese-the-nightmare-of-memory-lapses-14c249a83d73

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: