Serie: Es gibt 8 Versionen von mir! Ein Tag aus der Sicht von … Lia.

Lia bereitet sich auf die Arbeit vor.


Willkommen zurück zu meinem Blog „Be Many!“, der Themen rund um die dissoziative Identitätsstörung (DIS, syn: Multiple Persönlichkeitsstörung) behandelt. Heute werde ich meine Serie starten, die sich mit den Perspektiven verschiedener Ich-Zustände („Persönlichkeiten“) beschäftigt. Darin beschreibe ich einen typischen Tag/Situation aus der Sicht eines einzelnen Ego-States. Diese Artikel sind im jeweiligen Ego-State geschrieben, weshalb sie sich inhaltlich, sprachlich und gefühlsmäßig stark unterscheiden werden! (siehe auch „Eine Wohngemeinschaft – ein Überblick über meine 8 Ich-Zustände“) Am Ende wird der „Host“ Chantal ein paar Kommentare hinzufügen, um den folgenden Text einzuordnen, zu übersetzen und analytisch zu betrachten. Falls Ihr meine früheren Blogbeiträge gelesen habt, werdet ihr erkennen, dass es Lia ist, die den folgenden Text geschrieben hat. Sie zitiert Einträge aus ihrem Tagebuch und ihr werdet sehen – es ist charakteristisch für sie:

04.06.21: Irgendwie bin ich enttäuscht, dass meine Chefin mir keine weitere Aufgabe gibt. Ich bin aufgeregt und möchte dringend etwas tun. Stattdessen denke ich über meinen Blog nach und fange an, ihn vorzubereiten. (Chantal scheint damit einverstanden zu sein) Dann gehe ich zu meinem Hausarzt, um meine Unterlagen zu holen. Zu Hause angekommen, beende ich den Blogbeitrag. Ich habe so viel Energie – ich kann nicht stillsitzen. Deshalb gehe ich ein paar Kilometer joggen, aber das funktioniert nicht gut. Nachdem ich geduscht habe, beschließe ich, meine Wohnung zu putzen. Dann bereite ich mich auf das Treffen mit meiner besten Freundin vor, während ich warte, fange ich einen Blogbeitrag an und habe ihn fast fertig. Nun kommt meine beste Freundin – ich fühle mich großartig! Wir gehen zum Abendessen – ich fühle mich immer noch sehr gut. Wir gehen spazieren und verabreden uns zum nächsten Treffen. Danach fange ich wieder an, an meinem Blogbeitrag zu arbeiten – ich habe tausend Ideen und schreibe wie wild. Dann habe ich einen Artikel fertig und beginne gleich den nächsten. Ich bin überhaupt nicht müde und voller Energie, deshalb schreibe ich meinen Blogbeitrag und recherchiere. Ich bestelle sogar ein Buch über die Ego-States-Theorie.

05.06.21: Es ist jetzt 1 Uhr und ich bin immer noch hellwach und voller Energie. Ich recherchiere weiter für meinen Blog und kann nicht aufhören. Langsam höre ich wieder Stimmen (sie wollen alle, dass ich schlafe – lächerlich). Ich denke, ich sollte schlafen gehen, aber stattdessen spiele ich noch lange auf Facebook herum. Ich überlege, die ganze Nacht aufzubleiben und eine fb-Seite für den Blog zu erstellen. Es ist jetzt 3 Uhr, die Stimmen werden stärker (ich weiß nicht, wer da spricht). Liegt das an dem Schlafmangel? Eigentlich fühle ich mich großartig. Trotzdem versuche ich zu schlafen, es geht nicht… Aber dann schaffe ich es, wenigstens für 2 Stunden zu schlafen. Die Show geht weiter!

Diese Zusammenfassung eines Tages im Leben von Lia ist beispielhaft für diesen Ich-Zustand. Sie macht tausend Dinge, beginnend mit arbeiten, Sport treiben, schreiben oder putzen. Das ist sehr charakteristisch für sie, deshalb hatte ich auch keine Schwierigkeiten, dieses Erlebnis im Nachhinein Lia zuzuordnen. Leider muss ich mich bis heute auf mein Tagebuch verlassen, um vergangene Ereignisse in anderen Ich-Zuständen zu rekonstruieren – das ist auch bei Lia der Fall. Wie ihr in früheren Beiträgen lesen konntet, ist Lia der manische und reife Teil des Systems. Ich liebe sie wirklich! Ich scheine in diesem Ego-Zustand sehr effizient und produktiv zu sein, was für fast alles (Arbeit, Studium etc.) von Vorteil ist. Außerdem ist dieser Ich-Zustand auch in der Lage, soziale Kontakte zu knüpfen (siehe Treffen mit meiner Freundin), was andere Ich-Zustände nicht oft tun. Im Gegensatz zu den anderen ist Lia sehr selbstbewusst und kann sich behaupten. „In“ Lia fühle ich mich immer sehr wohl – ihr seht, eine Menge Vorteile.

ABER es gibt auch negative Aspekte. Lia schläft nicht viel (manchmal gar nicht!). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn dies ca. 3-4 Nächte anhält, meine inneren Stimmen dominanter werden und mich folglich am Schlafen hindern – ein Teufelskreis. Was folgt, sind meist Ich-Zustände wie Toby oder Emily, die als „negativ“ empfunden werden. Bei mir folgt es einem Muster: erst ist alles toll, dann kommt die große Leere. Ich habe enorme Schwierigkeiten, mit diesen Schwankungen zurechtzukommen. Deshalb bremsen mich meine Therapeuten immer aus – mein Hausarzt wollte mir sogar Temesta (Lorazepam) geben, was ich abgelehnt habe. Meine Theorie dahinter ist folgende: Der sehr aktive Teil von Lia muss kompensiert werden. Deshalb treten die entgegengesetzten Ich-Zustände (vor allem Emily) in den Vordergrund. Dies führt zu einem Gleichgewicht im System. Mein Problem ist nur, dass die Unterschiede zwischen Lia und den anderen im Vergleich zu gesunden Menschen extremer sind (jeder hat diese Anteile, aber bei mir sind sie stark ausgeprägt und voneinander getrennt, halt abgespalten/dissoziiert). Ein weiterer Nachteil von Lia ist, dass sie viele verschiedene Dinge anfängt, die die anderen Ich-Zustände dann nicht zu Ende bringen können. So habe ich mich schon zu vielen Kursen angemeldet, die ich später wieder absagen musste oder ich habe Online-Einkäufe getätigt, die ich im Nachhinein bereue, wenn andere Ich-Zustände vorne sind. (Anmerkung: das ist der Grund, warum ich aufpassen muss, wofür ich Geld ausgebe oder nicht – das ist etwas, das man auch bei manischen Patienten mit einer bipolaren Störung beobachten kann)

Wie ihr sehen könnt – „Lia“ ist ein zweischneidiges Schwert! Es gibt eine Menge positiver Aspekte, aber es gibt auch Nachteile. Im jeweiligen Moment mache ich mir keine Gedanken über die negativen Seiten, denn ich bin einfach nur froh, dass ich so ein hohes Funktionsniveau habe. Meistens müssen mich andere daran erinnern, dass ich mich auch in diesem Ich-Zustand um mich selbst kümmern muss – ich vernachlässige mich meistens. Ich hoffe, euch ein differenziertes Bild von Lia gegeben zu haben! Auf baldiges Wiedersehen!

— Lia (Chantal)

In English:

https://be-many.medium.com/series-there-are-8-versions-of-me-a-day-from-the-perspective-of-lia-e32209383713

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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