Wie ich trotzdem von der Borderline-Diagnose profitiert habe.

Wie ihr aus vorherigen Blog Posts wisst, lebte ich jahrelang mit der „nicht ganz richtigen“ Diagnose der Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS). Diese Diagnose entstand in erster Linie dadurch, dass ich oft Stimmungsschwankungen habe, mich selbst verletze und Probleme in der Beziehungsgestaltung habe. Zusätzlich wies ich dissoziative Episoden auf und hörte Stimmen – was zwar bei der BPS vorkommen kann, jedoch für ein anderes Krankheitsbild charakteristischer ist. Die dissoziative Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeitsstörung) wurde bei mir erst vor Kurzem definitiv diagnostiziert (der Verdacht besteht schon länger). Bis dahin habe ich insgesamt schon 3 Borderline-spezifische Therapien hinter mir – allesamt DBT Therapien (dialektisch-behaviorale Therapie nach Linehan). Ich werde auf die Borderline-Erkrankung in einem separaten Text genauer eingehen – weil es ein sehr komplexes und leider immer noch sehr stigmatisiertes Krankheitsbild ist. Heute werde ich euch von der DBT Therapie erzählen und wieso sie auch Teil einer DIS-Behandlung sein kann.

In der Folge stütze ich mich inhaltlich auf das Buch „Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten“ (Bojus & Wolf-Arehult), das für mich während dieser ganzen Therapien ein ständiger Begleiter war und mir, als fachlich interessierte Person, sehr geholfen hat, diese Erkrankung zu verstehen. Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) wurde in den 80er Jahren von Marsha Linehan zur Behandlung von Borderline-Patienten entwickelt. Sie vereint Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Hypnose und der Meditation. Sie baut auf einer dialektischen Betrachtungsweise auf. Dies bedeutet, dass gegensätzliche Problemfelder bzw. Standpunkte erkannt, angenommen und dadurch ein Gleichgewicht zwischen ihnen entwickelt werden soll. (DocCheck) DBT enthält mehrere Module, die auf strukturierte Weise vermittelt werden:

  • Hintergründe und Fakten von BPS
  • Einführung in das Skillstraining
  • Achtsamkeit
  • Stresstoleranz
  • Umgang mit Gefühlen
  • Zwischenmenschliche Fertigkeiten
  • Selbstwert
  • Umgang mit Sucht

Ich werde einzeln auf diese Module in weiteren Posts eingehen, da es sehr viel dazu sagen gibt bzw. ich habe mittlerweile recht viel Erfahrung sammeln müssen (dürfen). Heute möchte ich nur im Allgemeinen darauf eingehen, wieso die DBT Therapie auch bei der DIS zusätzlich zur Ego-State Therapie oder anderen Traumatherapien berücksichtigt werden kann (oder zumindest Elemente davon). Dies ist keine wissenschaftliche Herangehensweise, sondern basiert lediglich auf den Erfahrungen, die ich gemacht habe.

Ähnlich wie Borderline-Patienten, haben DIS-Patienten Stimmungsschwankungen (je nach Ego-State), leiden unter selbstverletzendem Verhalten und können Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion mit anderen haben. Bei der BPS sind vor allem starke Emotionen und sog. Anspannungszustände zentral, die nicht selten zu Selbstverletzungen führen. Dieses dysfunktionale Verhalten kann beeinflusst werden durch das Skillstraining mit den bereits erwähnten Modulen. Die Patienten lernen dabei z.B. Skills („Fähigkeiten“) anzuwenden, die sie die Momente grosser Anspannung überstehen lassen, ohne sich zu schaden. Dabei können verschiedene Methoden angewandt werden. Ich werde in der Folge ein paar Punkte herauspicken, die mir persönlich auch bei der DIS sehr helfen.

  • Fertigkeiten: Mir hilft es in Momenten grosser Anspannung (v.a. Toby und Svea), mich mit Fertigkeiten oder sog. Ersatzhandlungen wieder ins Hier und Jetzt zu bringen und mich von selbstverletzendem Verhalten oder zu starken Emotionen abzulenken. Man könnte also sagen, dass dies der Stresstoleranz dient. Dazu gehören: Ammoniak riechen, Zitronensäure essen, Liegestütze machen, kalt duschen, Sport treiben, mit einem Igelball spielen, scharfe Lollies essen, von 100 immer 7 subtrahieren (sog. Hirn-Flick-Flacks) etc.
    Es gibt aber auch andere Skills, die bei weitaus geringerer Anspannung angewendet werden, wenn z.B. sich die Gedanken immer um die gleichen Dinge drehen (sog. Gedankenkreisen) oder man sich depressiv verstimmt fühlt. Dazu gehören vor allem „sanfte“ Ablenkungen wie Gartenarbeit, Kochen, Backen oder Lesen etc.
  • Achtsamkeitsübungen: Insbesondere in Lena bin ich sehr empfänglich für sogenannte Achtsamkeitsübungen. Ich beobachte z.B. meine Umgebung und benenne 5 Dinge, die ich sehe, die ich fühle, die ich höre und die ich rieche. Dies erlaubt es mir, den Fokus (weg von den Flashbacks) in die Gegenwart zu lenken. Andere Möglichkeiten sind z.B. angenehme Düfte zu riechen, barfuss zu laufen oder Entspannungsübungen durchzuführen. Zudem besuche ist seit Neustem einen Tai-Chi-Kurs, was mir hilft runterzukommen.
  • Positives Denken: Das ist ein sehr schwieriger Prozess. Insbesondere in Emily habe ich grosse Selbstzweifel und bin hoffnungslos. Da kann es helfen Übungen zu machen, die den Fokus weg vom Negativen zum Positiven lenken. Dies mache ich z.B. , indem ich vor den Spiegel stehe und mich anlächle (das ist sehr witzig ;-)), mein „Ich-bin-toll-Plakat“ betrachte, das ich angefertigt habe, mich selbst lobe (Selbstwert stärken) oder jeden Abend drei Dinge aufzähle, die an diesem Tag für mich positiv waren. Dies können kleine, alltäglich Dinge sein wie beispielsweise, dass der Kaffee toll war oder ich es geschafft habe 30min zu lesen etc.

Ihr fragt euch jetzt bestimmt, wie es mir möglich ist, diese Methoden in jedem Ego-State auch tatsächlich anzuwenden. Eines vorweg – es funktioniert leider nicht immer! Aber ich habe folgende Taktik: Ich habe mir ja angewöhnt, detailliert ein Tagebuch zu schreiben. Ich (Chantal) habe dann für jeden Ego-State aufgeschrieben, was man in diesem Zustand machen kann, das Blatt ausgedruckt und aufgehängt bzw. auf dem Handy fotografiert oder im Portemonnaie. Mittlerweile, da die Ego-States ja ihre eigenen Erinnerungen haben, können sie sich so wie’s aussieht auch ohne Erinnerung selbst helfen. Hinzu kommt, dass es sein kann, dass ich mit den Ego-States zu kommunizieren scheine. Das passierte mir anscheinend einmal als ich „in“ Toby war – das wäre natürlich toll, wenn ich da Einfluss nehmen könnte.

Ihr seht – die „Fehldiagnose“ BPS war nicht nur schlecht – ich mache auch niemandem einen Vorwurf. Zudem scheine ich offensichtlich Symptome von BPS aufzuweisen und insbesondere Ego-States wie Emily und Toby weisen BPS-CHarakteristika auf. Ich habe in der BPS-Therapie viel gelernt und kann einiges davon jetzt anwenden! Ich bin aber trotzdem froh, mit der DIS eine Diagnose erhalten zu haben, die meine Beschwerden besser abdeckt und dass ich nun eine traumazentrierte spezifische Therapie erhalte. Es ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung 🙂

–Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/how-i-still-benefited-from-a-borderline-diagnosis-90b4d438fc90

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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