Dissoziative Identitätsstörung: Wie man Hindernisse im Arbeitsalltag überwindet

Es ist in der Regel schwierig, als Patient*in (in der Folge zur besseren Leserlichkeit immer Patient/Patienten) mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeitsstörung) im Berufsleben zu bestehen. Nicht selten sind DIS-Patienten auf eine Rente angewiesen, weil sie als arbeitsunfähig eingestuft werden. Was sagt das über die Betroffenen aus? Sollte man nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt (in einem ungeschützten Rahmen) arbeiten? Oder ist es sogar gefährlich für andere? In der Literatur werden hochfunktionale „Systeme“ (die Karriere machen) und nicht-arbeitsfähige „Systeme“ beschrieben. Ich bin der lebende Beweis – es ist möglich, erwerbstätig zu sein. Obwohl ich auch eine Rente beziehe, habe ich eine Stelle in einem Krankenhaus als studentische Hilfskraft gefunden – und ich bin enorm dankbar! Meine Chefin hat mich zum 3. (!) Mal eingestellt, obwohl sie wusste, dass ich psychisch krank bin (sie kennt auch die genaue Diagnose). Vor einem Jahr wollte ich mein Dissertationsprojekt bei ihr verwirklichen, aber dann hat sich mein Zustand plötzlich verschlechtert – ich musste meine Pläne ändern. Jetzt arbeite ich seit Mai 2021 wieder, und ich bin sehr glücklich. Ich bin so vertieft in meine Arbeit, dass ich beschlossen habe, mein Studienfach zu wechseln, aber dazu mehr in einem späteren Beitrag. Obwohl ich grundsätzlich mit meiner Arbeitssituation zufrieden bin, gibt es einige Hürden, die ich nicht leugnen kann. Welche Probleme können auftreten, wenn man mit einem DIS-Patienten arbeitet? Heute werde ich mit euch die Herausforderungen teilen, denen ich während der Arbeit begegne und was ich (oder besser gesagt wir) tue (tun), um sie zu überwinden.

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  • Organisation
    Da ich mehrmals pro Woche psychotherapeutische Therapiesitzungen, Ergotherapie, Spitex-Hausbesuche und Achtsamkeitstraining habe, ist es oft schwierig, Arbeit und Therapie zu koordinieren. Zudem sollte ich genug Zeit haben, um die einzelnen Therapiesitzungen zu verarbeiten. Außerdem müsste ich in eine größere Stadt fahren (ca. 1 Stunde), um im Büro anwesend zu sein – mit all meinen anderen Verpflichtungen eigentlich nicht möglich. Meine Chefin und ich haben, auch aufgrund der aktuellen Pandemie, eine akzeptable Lösung gefunden – Home-Office! Es macht mir wirklich Spaß, zu arbeiten und mir die Zeit selbst einzuteilen. Außerdem bin ich auf Stundenbasis angestellt, was mir erlaubt, in guten Zeiten mehr zu arbeiten und, wenn es mir schlecht geht, frei zu nehmen. Damit ist es möglich, eine intensive Therapie zu erhalten und gleichzeitig zu arbeiten – perfekt!
  • Arbeitsbelastung
    Das ist mit Abstand mein größtes Problem! Die meiste Zeit habe ich das Gefühl, nicht genug zu arbeiten, weil es immer etwas zu tun gibt. Besonders wenn Lia aktiv ist, arbeite ich sehr viel – manchmal ohne Pausen oder Schlaf. Andererseits, wenn ich laut Stimmen höre oder mich einfach schlecht fühle, arbeite ich gar nicht. Für mich ist es also ein „Alles-oder-Nichts-Prinzip“. Obwohl mir meine Vorgesetzten immer sagen, ich solle es langsam angehen lassen, ertappe ich mich regelmäßig dabei, dass ich in denselben Trott verfalle. Meine Lösung für dieses Problem ist einfach: ein Wochenplan mit allen meinen Verpflichtungen. Darin reserviere ich die Arbeitszeit, notiere aber auch die entspannenden und angenehmen Aktivitäten, die der Erholung dienen. Natürlich kann ich mich nicht immer an den Plan halten – ich habe mir inzwischen angewöhnt, mir keinen Stress mehr deswegen zu machen.
  • Unfähigkeit zur Konzentration
    Als ich im Mai 2021 zu arbeiten begann, konnte ich mich kaum eine Stunde lang konzentrieren. In der Ergotherapie habe ich Techniken erlernt, die eine bessere Konzentration ermöglichen. Besonders wenn die inneren Stimmen präsent sind, ist eine Fokussierung nur schwer möglich. Meine Art, mit diesem Problem umzugehen, ist, alle 20min Pausen zu machen, jeden Morgen spazieren zu gehen, mich für die Erfolge zu belohnen und Musik zu hören (um mit den Stimmen fertig zu werden). Bisher bin ich in der Lage, mich 4 Stunden lang zu konzentrieren, was meiner Meinung nach ein großer Fortschritt ist.
  • Management der akuten Symptome
    Dies ist ein schwieriges Thema. Da ich im Moment von zu Hause aus arbeite, habe ich nicht viele Interaktionen mit meinen Kollegen. Wenn ich also den Ich-Zustand wechsle, bemerken sie das überhaupt nicht. Im Moment ist das kein Problem, ABER es kann natürlich ein Problem sein, wenn ich im selben Büro arbeite oder Kontakt zu Patienten oder Klienten habe. Bislang habe ich noch nie die Rückmeldung erhalten, dass ich im Umgang mit Patienten/Klienten unfähig zur sozialen Interaktion bin. Es scheint, dass ich im beruflichen Umfeld nicht so oft switche – das ist nicht wissenschaftlich fundiert, nur meine Erfahrung. Ich kann mir vorstellen, dass Ego-State-Switches wirklich problematisch sein können, vor allem, wenn die Kollegen sie noch nicht kennen. (Anmerkung: Längst nicht jeder Switch ist von aussen sichtbar!) Außerdem sind Gedächtnislücken oft für Missverständnisse verantwortlich. Ich beuge ihnen vor, indem ich mir fast jedes Wort, das gesagt wurde, notiere – wie ein „Arbeitstagebuch“ – das funktioniert ziemlich gut. Außerdem ist Kommunikation in solchen Situationen das A und O! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Sprechen über die Probleme den Druck nimmt und das Vertrauensverhältnis fördert.
  • Umgang mit sichtbaren Selbstverletzungen
    Ich denke, es versteht sich von selbst, dass sichtbare Selbstverletzungen zu Irritationen bei Mitarbeitern und Patienten/Klienten führen können. Eine Möglichkeit wäre es, nur lange Kleidung zu tragen. Aber ehrlich gesagt – ich bin kein Fan davon. Man sollte seine Verletzungen nicht auf einem Silbertablett präsentieren – da stimme ich zu (erst recht nicht frische Verletzungen). Ich bin aber überzeugt, dass es immer noch besser ist, offen und direkt zu sein, als sich zu verstecken (v.a. bei Aussentemperaturen über 30 Grad!) Es nimmt auch dem Gegenüber ein wenig die Angst und baut Vorurteile ab! Deshalb, ja: Ich trage (auch) kurze Kleidung und stehe dazu.

Ich habe absichtlich nichts über die Vorurteile gegenüber DIS-Patienten geschrieben, weil a) sie glücklicherweise an meinem Arbeitsplatz nicht vorkommen und b) weil ich darauf in einem separaten Beitrag eingehen werde. Ihr seht, als DIS-Patient zu arbeiten ist möglich, aber es gibt einige Hindernisse zu überwinden. Aber mit einer direkten und offenen Kommunikation mit den Kollegen kann man eine Menge erreichen! Natürlich braucht es eine gewisse Sensibilität seitens der Vorgesetzten, aber diese sollte nicht zu ausgeprägt sein – ich jedenfalls möchte keine Sonderbehandlung wegen meiner Krankheit.

–Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/dissociative-identity-disorder-how-to-overcome-obstacles-in-daily-work-3d45fcbf5435

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

5 Kommentare zu „Dissoziative Identitätsstörung: Wie man Hindernisse im Arbeitsalltag überwindet

  1. „Patient“ reicht eigentlich zur vollkommenen Leserlichkeit, weil der Patient auch eine Frau sein kann. Im Duden steht geschrieben, dass der Sexus eines Wortes nicht identisch ist mit dem biologischen Sexus. Ein Wort mag männlich, weiblich oder sächlich sein, was nichts aussagt über die Person oder Sache, die es bezeichnet. „Der“ Polizist kann also auch eine Polizistin sein. Sprache ist einfach, warum künstlich komplizieren?

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  2. Ich lese deine Berichte stets mit grossem Interesse. Bisher auf englisch, da habe ich keine Kommentare geschrieben, resp. gar nicht recht gewusst wie und wo.
    Keine, oder wenige Kommentare meinerseits bitte nicht als Nichtgelesen oder als Desinteresse interpretieren.
    Herzlich
    Mich

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    1. Hey Mich!

      kein Thema – ich bin ja nicht darauf aus viele Kommentare zu lesen oder dass ich viele Reads habe 🙂 klar freue ich mich über jede interessierte Person, aber ich schreibe den Blog primär, um zu informieren. Dass dabei nicht für jeden alle Themen interessant sind verstehe ich natürlich! Mach dir keinen Kopf! LG

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