Zauberpilze gegen Depressionen – ist der Hype berechtigt?

Vor Kurzem sorgte die Firma Atai Life Science, ein BioTech-Start-up, mit ihrem Börsengang für Furore. Das Besondere daran – das in Deutschland ansässige Unternehmen sucht alternative Therapiemethoden zur Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. In den letzten Jahren rückte insbesondere ein Wirkstoff in das Zentrum des öffentlichen Interesses – Psilocybin. Dieser ist in Pilzen wie Psilocybe (Kahlköpfe, siehe Bild) vorhanden (deshalb der Name). Psilocybin wird eine rauschauslösende Wirkung nachgesagt, weshalb diese Pilze vor allem in der Drogenszene bekannt sind. Weiter führt Psilocybin zu gastrointestinalen Symptomen (z.B. Erbrechen, Durchfall), Halluzinationen (z.B. optisch) oder Flashbacks. Wichtig: Pilze rufen keine physische oder psychische Abhängigkeit oder Entzugserscheinungen hervor (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, 2006), führen aber bei regelmässigen Einnahme zur Toleranzbildung (man benötigt eine immer grössere Dosis, um die gleiche Wirkung zu erreichen). Die Einnahme Psilocybin-haltiger Pilze ist keineswegs ein Phänomen der Neuzeit – schon 1000 v. Chr. wurden insbesondere in Lateinamerika solche Pilze zu Feierlichkeiten verzehrt. Systematischere Untersuchungen fanden allerdings erst im 20. Jahrhundert statt, was schlussendlich zur Entwicklung des Begriffs „Magic Mushrooms“ (Gordon Wasson, 1957) führte. Seither gab es zahlreiche Einzelfallberichte und kleinere Studien, die sich mit der Wirkung von Psilocybin auf psychiatrische Erkrankungen beschäftigen. Ich möchte hier exemplarisch am Beispiel der Depression aufzeigen, ob es sich lohnen könnte, halluzinogene Pilze zur Therapie einzusetzen.

Ein Kahlkopf-Pilz (Quelle: nature.com).

Psilocybin gehört zu den sog. psychedelischen Drogen – also halluzinogene, psychotrope Substanzen. Auch zu dieser Klasse gehören u.a. LSD, Ecstasy (v.a. MDMA). In der Schweiz wird der Gebrauch von psychotropen Substanzen (und damit auch Halluzinogenen wie Psilobycin) im Betäubungsmittelgesetz geregelt. Darin steht, dass „die folgenden Betäubungsmittel [Anm: u.a. Halluzinogene] dürfen weder angebaut, eingeführt, hergestellt noch in Verkehr gebracht werden.“ Ein Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz wird mit einer Geldstrafe bis hin zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe geahndet. Forschung hingegen ist mit einer Ausnahmebewilligung seitens des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) schon seit Langem möglich und hat in der Schweiz eine lange Tradition.

Aktuelle Forschungsergebnisse
In den letzten 5-10 Jahren nahm die Anzahl Studien, welche die Wirkung von Psilocybin auf depressive Symptome untersuchen, stetig zu – mit gemischten Ergebnissen. Hier ein paar aktuelle Beispiele:

  • Carhart-Harris et al. (2021): In einer sog. randomisiert-kontrollierten Studie (=hochwertigste Form einer klinischen Studie), die die Wirkung von Psilocybin und eines der gängisten Antidepressiva, Escitalopram, untersuchte, zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen diesen beiden Stoffen.
    Limitationen: kurze Untersuchungsdauer (6 Wochen), Patienten waren nicht von unterschiedlicher ethnischer Herkunft, was eine Verallgemeinerung verunmöglicht, potenzieller Interessenskonflikt (Finanzierung der Autoren)
  • Calvao-Coelho et al. (2020): In einer Meta-Analyse (= summierte Studie von vielen Einzelstudien -> hohe Aussagekraft!; siehe Abbildung 1) zeigte sich eine Tendenz, die Psychedelika im Vergleich zu anderen Substanzen favoristierte (die sog. Effektgrössen sind negativ). Die Subanalyse nur der Psilocybin-Studien zeigte ebenfalls einen großen klinischen Effekt bei der Reduktion von depressiven Symptomen bei Patienten mit Stimmungsstörungen. Grundsätzlich wurden die Psychedelika sehr gut toleriert (wenig bis keine behandlungsbedürftige Nebenwirkungen – erst recht nicht langfristig).
    Limitationen: Placebos (=“Scheinmedikamente“) waren nicht Antidepressiva, sondern meist zuckerhaltige Lösungen (Mannitol, Laktose) oder Niacin (Vitamin B-3). Somit kann kein Vergleich zu herkömmlichen antidepressiven Substanzen gezogen werden. Weitere Kritikpunkte sind die kleinen Stichprobengrößen der eingeschlossenen Studien, die hohe Heterogenität im Studiendesign und in der Population, die verschiedenen psychedelischen Dosen, die Vielfalt der verwendeten Ergebnisskalen und die unterschiedlichen Untersuchungszeitpunkte.
Abbildung 1: Effektgröße (SMD) von akuten, mittelfristigen und langfristigen klinischen Effekten von klassischen serotonergen Psychedelika vs. Placebo-Behandlungen auf depressive Symptome von Patienten mit Stimmungsstörungen (P), dargestellt als Hedges‘ g mit 95%-Konfidenzintervall. Ein negatives Hedges’sches g spricht für Psychedelika. Als Info: ist der sog. p-Wert (p) <0.05 und/oder enthält das 95%-Konfidenzintervall (Intervall zwischen t-CI und u-CI -> das jeweils linke und rechte Ende der Linie/des Rhombus) NICHT den Wert 0, dann kann der Unterschied als statistisch signifikant betrachtet werden! Zu unterst seht ihr den kombinierten Wert (Tendenz über alle Studien hinweg), der statistisch signifikant zu Gunsten der Psychedelika zu sein scheint.
  • Goldberg et al. (2020): In einer weiteren Meta-Analyse wurde gezeigt, dass Psilocybin deutlich die Symptome von Angst und Depression reduzieren kann.
    Limitationen: Verblindung (d.h. die Patienten und die Ärzte wissen nicht, ob der Patient das Placebo oder Psilocybin erhalten hat) war aufgrund der Eigenschaften der Psilocybin-Einnahme nicht möglich. Weiter: geringe Anzahl an eingeschlossenen Studien, reduzierte ethnische Diversität und sog. Selection-Bias (=statistische Verzerrung bei der Auswahl von Patienten; z.B. lassen sich nur bestimmte Patientenkollektive auf diese Studie ein), potenzieller Interessenskonflikt der Studienautoren (Erhalt von Finanzierungshilfen aus der Industrie)

So – genug von klinischen Studien und statistischer Analysen. Ich habe absichtlich nur Studien berücksichtigt, welche gemäss State-of-the-Art die grösste Evidenz (=Aussagekraft) aufweisen. Zudem suchte ich diese Studien im Studienpool von PubMed – die grösste Online-Datenbank medizinischer Studien. Dazu gehören nunmal randomisiert-kontrollierte Studien und Meta-Analysen. Ich persönlich bin zwiegespalten, was die Resultate anbelangt. Zwar scheint Psilocybin im Vergleich zu Placebo und anderen Antidepressiva mindestens nicht schlechter zu wirken. ABER: die Studien haben gewisse Limitationen, die v.a. die Studiengrösse, die Wahl der Patientenkollektive („selection-bias“), die unterschiedlichen Beurteilungskalen und Psilocybin-Dosen betreffen. Meines Erachtens ist weitere Forschung, vor allem mit standardisierten Forschungsprotokollen (Definition von Dosis und Placebos) und grösseren Studien zwingend nötig, um die Wirksamkeit von Psilobycin abschliessend zu beurteilen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Psilocybin auch Nebenwirkungen haben kann wie beispielsweise Kopfschmerzen, Übelkeit oder Müdigkeit. Zu den weiteren körperlichen Effekten zählen Atembeschwerden, Herzrasen, veränderter Blutdruck, Kreislaufprobleme, eine Erhöhung der Körpertemperatur, Schweißausbrüche, Gleichgewichtsstörung, Schwindel, seltener auch Ohnmacht und epileptische Anfälle. Nebenwirkungen waren in der Studie von Carhart-Harris (2021) vergleichbar mit derjenigen von Escitalopram.

Abbildung 2 (Carhart-Harris 2021). Adverse event = unerwünschtes Ereignis, headache = Kopfschmerzen, Nausea = Übelkeit, Fatigue = Müdigkeit, Anxiety = Angst, Dry Mouth = Mundtrockenheit, Migraine = Migräne, Palpitations = Herz-Palpitationen, Sleep Disorders = Schlafstörungen, Diarrhea = Durchfall, Feeling abnormal = abnormales Gefühl(serleben), Feeling jittery = Gefühl von Nervosität, Vomiting = Erbrechen

Ein Problem in der Forschung zur Behandlung von Depressionen ist sicherlich die grosse Vielfalt an potenziellen Antidepressiva. Nicht jedes Antidepressivum wirkt bei jedem Patienten gleich gut und häufig muss es mehrmals gewechselt werden, bis eine Verbesserung eintritt, was ein Vergleich mit Psilocybin schwierig macht. Ich kann dies bestätigen: Ich bin nun schon beim 4. (!) Antidepressivum angelangt, da die vorigen drei entweder nicht wirkten (u.a. genetisch bedingt) oder zu grösseren Nebenwirkungen führten. Für mich persönlich ist die Datenlage zu Psilocybin und Depression noch zu dünn, um mich guten Gewissens darauf einzulassen. Zudem können psychotrope Substanzen auch bestehende Symptome wie Halluzinationen oder Dissoziationen verstärken, was in meinem Fall nicht gerade förderlich wäre. Deshalb rate ich eingehend vom selbständigen (ohne Zuziehen eines ärztlichen Rates) Konsum dieser Psilocybin-haltigen Pilze ab – insbesondere bei vorbestehender psychiatrischer oder körperlicher Grunderkrankung. (Mal abgesehen davon, dass es illegal ist.) Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass auch diese alternativen Therapiemethoden geprüft werden sollen – dies aber auf wissenschaftlich-objektive Weise und möglichst ohne Industriefinanzierung. So konnte ja beispielsweise auch bei Krebspatienten ein positiver Effekt von Cannabis auf die Reduktion von Schmerzen gezeigt werden (dazu später mehr). Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt – ich werde euch auf dem Laufenden halten!

–Tim

English

https://be-many.medium.com/magic-mushrooms-against-depression-is-the-hype-justified-499b6fc9b6bc

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