Fakt vs. Fiktion – Vorurteile gegenüber der dissoziativen Identitätsstörung.

Verbrecher! Schauspieler! Dramaqueen! Dies sind nicht etwa Beschreibungen von Filmszenen und -darstellern, sondern Vorwürfe, mit denen sich Patienten*innen (in der Folge nur „Patient(en)“) mit dissoziativer Identitätsstörung (DIS) häufig konfrontiert sehen. Genährt durch Vorstellungen, wie sie die Medien z.B. bei der Berichterstattung oder in Filmen wie Netflix-Klassiker „Split“ erzeugen, hat sich in den Köpfen der Bevölkerung ein tendenziell negatives Bild der Erkrankung eingenistet. Natürlich lässt sich diese Form von Stigmatisierung nur schwer objektivieren. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass ich mir selbst auch schon einiges anhören musste – was mich dazu brachte, diesen Beitrag zu schreiben. Ich werde in der Folge auf die gängisten Vorurteile gegenüber der DIS eingehen. Diese Liste ist (leider) nicht abschliessend, sondern es gibt noch zahlreiche weitere Vorstellungen/Meinungen zur DIS. Was ich bewusst nicht in diesem Post verarbeiten werde, ist die Selbststigmatisierung (vom Patienten selbst) – damit werde ich mich aber in Zukunft beschäftigen.

  • DIS-Patienten sind gefährlich.
    Menschen mit DIS sind nicht häufiger gewalttätig als andere Menschen. Es gibt sehr wenige dokumentierte Fälle, die Verbrechen mit DIS in Verbindung bringen. Die Idee einer „bösen Persönlichkeit“ ist nicht grundsätzlich wahr. (SANE Australia) In einer repräsentativen Stichprobe von Personen mit dissoziativen Störungen war die jüngste Beteiligung der Strafverfolgungsbehörden gering, und die Symptomatik sagte die Kriminalität nicht voraus. (Webermann 2017) In einer früheren, viel beachteten Studie (Moskowitz 2004) wurde jedoch ein Zusammenhang zwischen Dissoziationen und Gewalt gezeigt. Auch andere Studien unterstützen diese These. Die Qualität dieser Studien stufe ich allerdings als sehr gering ein, weshalb alle hinterfragt werden können. Leider wird die DIS in juristischen Belangen nicht selten als „Entschuldigung“ oder als Begründung für einen Freispruch missbraucht – doch das ist ein anderes Thema. Meiner Erfahrung nach sind DIS-Patienten nicht per se gegen andere gewalttätig, sondern richten die Aggression häufiger gegen sich selbst (in Form von Selbstverletzungen, Suizidversuche).
    Schlussfolgerung: diese Aussage ist nicht verallgemeinerbar.
  • DIS-Patienten haben verschiedene Persönlichkeiten.
    Der veraltete Begriff der „multiplen Persönlichkeit“ suggeriert, dass die Patienten verschiedene Persönlichkeiten besitzen. Dies ist nach heutiger Forschung nicht korrekt, weshalb der Terminus auch in „dissoziative Identitätsstörung“ umbenannt wurde. Es handelt sich weniger um verschiedene Persönlichkeiten, sondern vielmehr um verschiedene Persönlichkeitsanteile. In der Diagnostik (nach ICD-11) wird zwischen sog. Ego-States (Ich-Zustände übernehmen NICHT Kontrolle über handeln, keine Amnesien) und dissoziativen Identitäten (Syn: Persönlichkeitsanteile, Persönlichkeitszustände übernehmen Kontrolle; Amnesien) unterschieden, was ich in meiner Analyse zwecks der besseren Verständlichkeit nicht weiter ausführen werde. Ich werde alle Begriffe vereinheitlicht als Synonyme verwenden, da ich persönlich gerade den Begriff der „dissoziativen Identitäten“ ähnlich wie der Begriff der „Persönlichkeiten“ problematisch finde.
    Schlussfolgerung: diese Aussage ist definitiv falsch.
  • Die Diagnose gibt es nicht bzw. ist eingebildet (Schauspielerei).
    Das ist ein sehr wichtiges Thema für mich. Als ich die Diagnose erhielt, habe ich das ehrlich gesagt für einen Witz gehalten – „ich doch nicht!“. Gerade weil ich kurz zuvor per Zufall ein Interview mit einer DIS-Patientin gesehen habe und mir dachte „das kann doch nicht wahr sein“. Für mich war die Diagnose erstmal ein Schock, gerade weil ich einerseits sehr wenig darüber gehört habe und andererseits mit der (angeblich) gefestigten Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung durch das Leben ging. Manchmal frage ich mich bis heute, ob ich mir das alles nur einbilde – die Antwort: Nein!
    Mit Hilfe von strukturierten Fragebögen und in einem experimentellen Setting mit Hilfe von Bildgebung (MRI) kann man heutzutage imitierte (=eingebildete) DIS von einer tatsächlichen strukturellen Dissoziation unterscheiden. Es gibt aber auch unspezifische Hinweise, die für eine DIS sprechen: Alexithymie (Schwierigkeiten Gefühle wahrzunehmen), Hypomimie (keine Mimik), paradoxe Reaktion auf Medikamente (unerwartete Reaktionen), Polypharmazie (mehrere Medikamente), Zweifel an der Diagnose, Trigger, chronische Suizidalität und fehlende Selbstfürsorge etc. (Jan Gysi 2020)
    Lotfinia et al. (2020) zeigten beispielsweise Abberrationen (=Veränderungen) in verschiedenen Hirnregionen (v.a. Frontal- und Temporalhirn). Eine weitere Meta-Analyse (=zusammenfassende Studie von vielen Einzelstudien) bestätigte neuroanatomische Auffälligkeiten in DIS-Patienten (Blihar 2020). Weiter gibt es Berichte über veränderte körperliche Funktionen wie Herzfrequenz oder Blutdruck etc.
    Schlussfolgerung: diese Aussage ist grundsätzlich falsch – es gibt anatomische/funktionelle Auffälligkeiten, ABER es gibt tatsächlich Menschen, die versuchen, eine DIS vorzutäuschen (wobei ich mir nicht vorstellen kann, welchen Vorteil sie daraus ziehen – das Leben mit DIS ist eher beschwerlich)
  • Ego-State-Wechsel sind immer sichtbar und dramatisch.
    Bei mir findet der Wechsel alle paar Stunden oder Tage (slow-switching) statt. Es kann aber auch sein, dass DIS-Patienten häufiger (rapid switching, besonders unter Stress) z.B. alle paar Minuten wechseln. ABER: nicht immer sind die Wechsel auch tatsächlich gegen aussen in Form von Kleidungs- oder Stimmenveränderungen (Grundfrequenz, Intonation, Melodie etc.), Mimik oder Gestik etc. sichtbar. Wechsel sind in der Regel nicht sichtbar (Brown & Scheflin 1999). Ein DIS-Patient kann sichtbare (evt. mit mimischen oder gestischen Zeichen) und kaum bis nicht-sichtbare Wechsel haben – je nach Persönlichkeitsanteil. So ist ein Wechsel von einem erwachsenen zu einem kindlichen Anteil häufiger sichtbar als Wechsel unter erwachsenen Anteilen. (Notiz: Anders als in „Split“ gezeigt, wechselt man nicht automatisch die Kleidung, wenn man den Persönlichkeitsanteil wechselt – es kann aber vorkommen wie bei mir im Wechsel in „Tim“.)
    Schlussfolgerung: diese Aussage ist falsch.
  • DIS-Patienten können auf Kommando die Ego-States wechseln.
    Normalerweise: Nein. Auch ich kann diese Wechsel bis heute nicht steuern und ich kann auch nicht beurteilen, ob das einmal möglich sein wird. Es gibt Berichte von Patienten, die das können, bei den meisten ist es allerdings Glückssache und abhängig von sog. Triggern (=Auslösern) von Aussen. So können beispielsweise bestimmte Gerüche oder Geräusche den Patienten an seine traumatischen Erlebnisse erinnern – schon dissoziiert er. Ich möchte aber hier noch eines festhalten: DIS ist kein Gruselkabinett – es ist respektlos einen solchen Wechsel bei einem Betroffenen zu provozieren. „Sei mal Tim“ funktioniert bei mir also nicht – tut mir Leid.
    Schlussfolgerung: diese Aussage ist falsch.
  • Man muss die „negativ-empfundenen“ (oder destruktiven) Anteile vermeiden.
    Ganz klar: Nein. Auch vermeindlich negative Anteile wie bei mir beispielsweise Toby, Emily oder Svea haben ihre Funktion. Sie sind alle zu irgendeinem Zeitpunkt aus irgendeinem Grund entstanden. So haben Toby/Svea – so paradox das klingen mag – in meiner WG eine Schutz- und Emily eine Beruhigungsfunktion. Doch dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Wie ich in früheren Posts schon erwähnt habe, ist das Ziel der Therapie, ein inneres Team zu bilden oder zumindest die Ko-Existenz zu ermöglichen. Manche sprechen auch von einer vollständigen Integration aller Persönlichkeitsanteile – doch das ist noch Gegenstand der Forschung.
    Schlussfolgerung: diese Aussage ist falsch.

Wie ihr sehen könnt, haben DIS-Patienten mit vielen unterschiedlichen Vorurteilen zu kämpfen. Grundsätzlich lässt sich sagen: diese sind nicht per se korrekt. Es wird allerdings immer Patienten geben, die z.B. gegen andere gewalttätig werden oder die Erkrankung nur vortäuschen. Ein gut ausgebildeter und erfahrener Psychotherapeut*in wird diese Menschen allerdings schnell entlarven können – für den Laien ist das nicht immer ganz so einfach. Ich hoffe, euch mit diesem Beitrag aufgezeigt zu haben, dass die meisten Vorurteile nicht stimmen – wie gesagt wird es immer Ausnahmen geben. Dies ist aber nicht nur bei der DIS der Fall, sondern generell in der Medizin (auch in der somatischen Medizin!). Das Problem bei psychischen Erkrankung ist in der Regel die „Nicht-Sichtbarkeit“, was es für Aussenstehende schwierig macht, die Symptome nachzuvollziehen, was wiederum Nährboden für Vorurteile und Stigmatisierung schafft.

–Svea

In English:

https://be-many.medium.com/fact-vs-fiction-prejudices-against-dissociative-identity-disorder-16ee816e04b7

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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