„Wieso reden alle durcheinander?!“ – der Kampf mit dem Stimmenhören.

Das Leben mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeitsstörung) ist auf den ersten Blick erschreckend. Neben häufigen Erinnerungslücken leiden die Patienten oft unter auditiven Halluzinationen oder sogenannten „inneren Stimmen der unterschiedlichen Ego-States“. Klingt unheimlich, oder? Das ist der Grund, warum DIS-Patienten oft mit einer Schizophrenie fehldiagnostiziert werden, für die das Hören von Stimmen ein Merkmal sein kann. In meinem Fall konnten die Ärzte für kurze Zeit eine Schizophrenie nicht ausschließen – revidierten diesen Verdacht aber kurz darauf. Heute zeige ich euch ein typisches Beispiel, wie es ist, innere Stimmen zu hören – hier ein Durcheinander! Manchmal kommt es zu einer richtigen Diskussion. Weiterhin möchte ich hinzufügen, dass nicht jeder Ich-Anteil (syn: Ego-State) zur Diskussion beiträgt. Der folgende Text ist „extrem“, was die Anzahl der beteiligten Ich-Zustände angeht – das ist nicht immer so. Ihr könnt ja erraten, wer was gesagt hat 😉

  1. „Ich habe keine Lust.“
  2. „Aber dann könntest du doch im Fluss schwimmen?“
  3. „Ja, beweg deinen A…!“
  4. „Ach ja, wollen wir Tiere beobachten?“
  5. „Nein, das will ich nicht!“
  6. „Du arbeitest schon zu lange!“
  7. „Nächste Woche habe ich schon viel zu tun.“
  8. „Freizeit!“
  9. „Tzzz!“
  10. „Also, ich möchte jetzt einfach nur schlafen gehen.“
  11. „Wir gehen jetzt spazieren!“
  12. „Ich schlafe.“
  13. „Wieso reden alle durcheinander?!“
  14. „Ich will das nicht.“
  15. „Im TV kommt eine Fussball-Live-Übertragung!?“
  16. „Ich komme nicht mehr nach!“
  17. „Das ist unfair, wir wollen das nicht!“
  18. „Ich möchte jetzt vorne sein!“
  19. „Ich geb’s auf.“
  20. „Hört jetzt endlich auf zu streiten…“
  21. „Wir nehmen jetzt eine kalte Dusche, damit alle runterkommen.“
Typisch bei einer DIS: das Hören von Stimmen.

Schizophrene Patienten werden meist mit einer Art von Antipsychotikum behandelt. Auch ich bekomme im Moment Antipsychotika, weil die Stimmen so dominant sind (ich muss zugeben – man kann diese Praxis hinterfragen). Lange Zeit habe ich sogar stärkere Antipsychotika wie Haldol und Clopixol genommen – aber mit wenig Erfolg. Die Stimmen wurden nur ein wenig besser, sie verschwanden aber nicht. Das war der Moment, in dem meine Therapeuten misstrauisch wurden. Sind die Stimmen gar nicht psychotisch, sondern dissoziativ? Und was bedeutet das?

Mit dem Wort Psychose werden Zustände bezeichnet, die durch eine vorübergehende Veränderung des Erlebens der Realität gekennzeichnet sind. Denken, Wollen, Fühlen und Handeln sind seltsam verändert. Eine Person, die solche Veränderungen erlebt, hat eine psychotische Episode. (PUKZH) Ein Beispiel für eine psychotische Erkrankung ist die bereits erwähnte Schizophrenie. Auf der anderen Seite sind dissoziative Stimmen dissoziativ, weil sie die Leugnung beinhalten, dass sie aus dem Selbst stammen. Ihr Ursprung ist nach dem Bericht des Patienten vom exekutiven Selbst dissoziiert („abgekoppelt“). Zu den Merkmalen, die psychotische von dissoziativen Stimmen unterscheiden, gehören die Qualitäten der Stimmen selbst (z.B. Komplexität der Diskussion, Ansprechbarkeit in der Psychotherapie) sowie andere Symptome: Zum Beispiel werden psychotische Stimmen im Vergleich zu dissoziativen Stimmen von weniger Geselligkeit (gestörtes Sozialverhalten), mehr formalen Denkstörungen, negativen Symptomen einschließlich abgestumpftem Affekt und Wahnvorstellungen begleitet. (Ross 2020) Beispiele für psychotische Stimmen könnten sein: „Dialogische Stimmen“, d.h. der Betroffene meint, Unterhaltungen über seine Person mitzuhören, „Kommentierende Stimmen“, die z.B. aus einem Körperteil kommen können und alle Handlungen des Patienten beschreiben und „Imperative (auffordernde) Stimmen“, die dem Betroffenen Handlungsanweisungen geben. Was bedeutet das für unsere Diskussion?

Zur Begriffsklärung:
Formale Denkstörung: Betroffene verwenden unübliche Begriffe (Neologismen=Wortneubildungen wie“delfinogen“) und der Sprachfluss gerät ins Stocken. Typisch sind Zerfahrenheit (Sätze und Worte ergeben keinen Sinn), Gedankenabreissen oder Sperrungen (abrupter Abbruch eines Gedankens ohne äussere Ablenkung) etc.
Negative Symptome: Apathie, Sprachverarmung, inadäquate Affekte (z.B. unpassend, Parathymie: Inhalt stimmt nicht mit Gefühlsausdruck überein) etc.
Wahnvorstellungen: Verfolgungswahn, Beziehungswahn, Liebes- oder Grössenwahn

Ross (2020) zeigt schön den Unterschied zwischen psychotischen und dissoziativen Stimmen.
Complex conversations: komplexe Konversationen/Unterhaltungen
Complex childhood trauma: komplexes Kindheitstrauma
Extensive comorbidity: ausgedehnte Ko-Morbiditäten (=andere Erkrankungen)
Complex dissociative symptoms: komplexe dissoziative Symptome (z.B. Amnesie, Depersonalisation etc.)
Psychobiology of trauma: Trauma-Psychobiologie
High hypnotizability: hohe Hypnotisierbarkeit
Responsive to medication: Ansprechen auf Medikamente
Responsive to psychotherapy: Ansprechen auf Psychotherapie
Voices can be engaged in a conversation: Stimmen können in Dialog/Unterhaltung verwickelt werden

Unsere Diskussion, scheint im Groben geordnet zu sein (es geht wahrscheinlich darum, was wir tun wollen) und ich scheine nicht unter Wahnvorstellungen, formaler Denkstörung oder negativen Symptomen zu leiden. Außerdem habe ich nicht auf Medikamente angesprochen – ich habe ein antipsychotisches Medikament genommen, weil ich so verzweifelt war. In meinem Fall – es ist offensichtlich: Ich leide an dissoziativen Stimmen (sogenannte Pseudo-Halluzinationen – auch wenn dieser Begriff suggeriert, dass man diese Stimmen nicht wirklich hört, was in meinen Augen problematisch ist). Aus wissenschaftlicher Sicht scheint es so zu sein, dass dissoziative Stimmen in der Regel nicht mit Medikamenten behandelt werden – aber in der Praxis werden sie trotzdem oft eingesetzt, weil die Patienten sehr leiden. Es ist also ein verzweifelter Versuch, diesem Leidensdruck zu begegnen.

Manchmal ist es ein echtes Chaos in meinem Kopf, eine Situation, mit der ich fertig werden muss. Meine Strategien sind, eine kalte Dusche zu nehmen, etwas Musik zu hören, laufen zu gehen oder innere Sitzungen abzuhalten, die jeden Ich-Zustand zu Wort kommen lassen (wie in der Diskussion oben; sog. „innere Konferenzen“). Die Stimmen verschwinden in der Regel nicht ganz, dennoch machen meine Fähigkeiten die Situation erträglich. Ich habe auch schon versucht, mit den anderen Ich-Zuständen im jeweiligen Ich-Zustand zu sprechen (sog. „inneres Sprechen“). Aber das ist immer noch sehr schwierig – das ist ein Teil der Therapie, der noch vor mir liegt. Eine weitere Technik der inneren Kommunikation kann schriftlich z.B. in Form eines Briefes erfolgen. Der Vorteil: Die Notizen können von jedem Ego-State und immer wieder gelesen werden. Ich persönlich bin eine Verfechterin aller drei Techniken – ich wende sowohl Gesprächstechniken, als auch schriftliche Formen an. Besonders hilfreich sind z.B. das Erstellen eines schriftlichen Notfallplans, den ich immer bei mir trage und falls nötig von jedem Ego-State konsultiert werden kann. Ich werde euch auf dem Laufenden halten, falls ich noch weitere Techniken herausfinden sollte! Ich arbeite daran 🙂

–Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/stop-arguing-now-the-struggle-with-hearing-voices-b6cd431565f0

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