Klischeebehaftet: „Borderline“ – ein Aufklärungsversuch

Heute werde ich etwas „artfremd“ nicht über die dissoziative Identitätsstörung (DIS) sprechen, sondern über ein anderes Krankheitsbild – die Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) oder auch emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline. Epidemiologisch gesehen ist die BPS ein wenig häufiger als die DIS (2-3%) und tritt v.a. bei jüngeren Menschen, vorwiegend Frauen (aber nicht nur!), auf. Das Krankheitsbild ist komplex und schwierig abzugrenzen von anderen Erkrankungen wie beispielsweise der DIS und der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Zudem treten häufig andere Erkrankungen (wie z.B. Essstörungen, Suchterkrankungen, Depressionen, PTBS, andere Persönlichkeitsstörungen und ADHS) gleichzeitig auf, also sog. Komorbiditäten. Um eine BPS zu diagnostizieren, müssen 5 der folgenden 9 Kriterien erfüllt sein:

Quelle: http://www.borderline-netzwerk.info

Ihr seht – ich erfülle einige dieser Kriterien (3,5,6 und 9), weshalb bei mir auch BPS diagnostiziert wurde. Zudem verletze ich mich seit meinem 12. Lebensjahr selbst – was viele (fälschlicherweise) als typisch-Borderline klassifizieren. Total untypisch ist jedoch, dass ich seit 10 (!) Jahren eine stabile Beziehung habe und mein Berufswunsch sehr konstant war. Ich werde in einem separaten Post erläutern, was die Unterschiede zur DIS sind und wie man die beiden Erkrankungen auseinanderhalten kann – es ist wirklich nicht ganz einfach und es gibt viele Überschneidungen. Klassisch für Borderliner ist insbesondere das Gefühl von innerer Leere, der Hang zu extremen Emotionen und ein ausgeprägtes Schwarz-Weiss-Denken, was zu grossen inneren Anspannungszuständen führt (Ohnmacht, Hilflosigkeit). Sie entwickeln daraufhin dysfunktionale Verhaltensmuster (Selbstverletzungen, Drogen, Alkohol etc.), die automatisiert ablaufen und es den Patienten erlauben, diese Anspannungszuständen zu regulieren (wenn auch eben dysfunktional). Weiter können dissoziative Phänomene (Abspaltung vom Selbst) und Störungen der Schmerzwahrnehmung auftreten. Nicht selten liegen der Erkrankung traumatische Erlebnisse (physischer, sexueller oder emotionaler Missbracht) zu Grunde.
Wichtig zu erwähnen ist, dass die Erkrankung meist in der frühen Adoleszenz beginnt, diagnostiziert wird sie meist später (ich erhielt die Diagnose mit 24 Jahren) und sie ihren Peak etwa mit 27 Jahren hat. Der Grund für die späte Diagnose ist, dass eine Persönlichkeitsstörung eine „überdauernde Störung der Persönlichkeit“ sein muss. In der Adoleszenz passieren so viele Dinge und Veränderungen, dass man zu diesem Zeitpunkt nicht sagen kann, ob die Symptome langfristig vorhanden sind oder nur vorübergehend. Allgemeine Kriterien einer Persönlichkeitsstörung nach DSM-5 sind:

  • überdauerndes Erlebnis- und Verhaltensmuster
  • Muster ist unflexibel und tiefgreifend
  • Muster versursacht Leiden und Beeinträchtigung in sozialen Funktionsbereichen
  • Muster ist stabil und lang dauernd
  • Ausschluss von Substanzen oder andere psych. Störungen als Ursache

Es gibt kein Medikament, das Borderline-Patienten heilt – leider! Jedoch werden je nach klinischer Manifestation bestimmte Medikamente wie Antidepressiva oder beruhigende Medikamente verabreicht. Zentral in der BPS-Therapie bleibt die Psychotherapie und dort insbesondere die dialektisch-behaviorale Therapie nach Linehan. Weil dies so ein grosses Thema ist und den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, werde ich ein anderes Mal darüber schreiben.

So take me as I am
This may mean you’ll have to be a stronger man
Rest assured that when I start to make you nervous
And I’m going to extremes
Tomorrow I will change
And today won’t mean a thing

Meredith Brooks „Bitch“

Eine Borderline-Diagnose ist nachwievor sehr stigmatisierend. Meist wird den Patienten unterstellt beziehungsunfähig, nicht belastbar und manipulativ zu sein. Ich habe viele Borderline-Patientinnen kennengelernt und ich muss sagen, dass ich dem so nicht zustimmen kann. Ich lernte Personen kennen, die schon jahrelang verheiratet sind, Kinder haben oder in einem Arbeitsprozess stecken. Klar gibt es auch andere Fälle, die dem „klassischen Bild“ einer Borderlinerin entsprechen – aber von ihnen auf die Gesamtheit der BPS-Patienten zu schliessen ist schlichtweg falsch und diskriminierend. Und noch etwas möchte ich hier anmerken: Nicht jede Selbstverletzung bedeutet automatische eine BPS-Erkrankung! Selbstverletzungen können auch bei anderen Erkrankungen wie Depressionen, bipolaren Störungen, Autismus, antisozialer Persönlichkeitsstörung, DIS oder Essstörungen (eigentlich ist die Nahrungsrestriktion auch eine Form der Selbstverletzung!) vorkommen. Zudem versteht man unter Selbstverletzung nicht nur das aktive Sich-Schaden-Zufügen (Schneiden, Haare ausreissen, Faustschlag gegen Wände etc.), sondern auch risikoreiches, schädliches Verhalten (z.B. zu schnelles Autofahren) oder Vernachlässigung von einem selbst – Selbstverletzung hat also viele Gesichter!

Die Prognose der Erkrankung ist äusserst vielversprechend, so erfüllen zwei Jahre nach der Diagnose nur noch 60% die Kriterien und nach 8 Jahren nur noch 20% – ein riesiger Therapieerfolg! (Zanarini 2003/2006, Grilo 2004) Jedoch gilt es zu beachten, dass die Suizidrate 50-fach erhöht ist (rund 10% sterben daran). Ich werde bald genauer auf die spezifische BPS-Therapie eingehen – allein darüber könnte ich eine Doktorarbeit verfassen! Ich hoffe, euch einen Einblick gegeben zu haben und dass ihr das Krankheitsbild nun ein wenig besser versteht und damit die Vorurteile (die ebenfalls in einem separaten Blog behandelt werden) abnehmen werden. Bis bald!

–Lia

In English:

https://be-many.medium.com/clich%C3%A9d-borderline-an-attempt-at-enlightenment-dafd4a02a50d

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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