Let’s talk about: Suizidalität und Selbstverletzung – ein Tabubruch.

Dies ist einer der härtesten und schwierigsten Artikel, die ich in diesem Blog schreiben werde – „Be Many!“ nimmt kein Blatt vor den Mund. Es geht um ein Thema, das mir einerseits sehr unangenehm ist, mir aber dennoch sehr am Herzen liegt. Ich möchte euch Einblicke in das Leben von DIS-Patienten geben – dazu gehören leider auch unangenehme Dinge. Auf diese Weise kann ich auch diese Ereignisse irgendwie verdauen, etwas, womit ich bis heute kämpfe. Das Thema Suizidalität und Selbstverletzung bei Patienten mit dissoziativer Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeitsstörung), scheint immer noch ein Tabuthema zu sein. (es ist generell ein Tabu!) Aber es ist wichtig, darüber zu sprechen! Heute werde ich darüber aus einer persönlichen Sichtweise schreiben. Das wird für einige von euch abschreckend sein – was ich verstehen kann. Wenn ihr labil seid, euch unwohl fühlt oder den Drang habt, euch etwas anzutun, a) holt euch Hilfe und b) lest diesen Text bitte nicht! Ich werde absichtlich KEINE Details über meine Selbstmordversuche oder meine Selbstverletzungen erzählen. Ich möchte nicht, dass mich jemand nachahmt – es ist also zu eurem (und auch meinem) Schutz!

Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man schnell in eine Negativspirale geraten kann – so habe ich leider schon 3 Selbstmordversuche hinter mir. Alle unbewusst. In meinem System ist es Toby, der sich selbst verletzt, weil er den Wunsch hat, sich zu bestrafen. Es passiert mit unterschiedlicher Häufigkeit, auf unterschiedliche Art und Weise und durch unterschiedliche Auslöser. Bis heute bin ich nicht in der Lage, Toby zu kontrollieren und damit Selbstverletzungen zu verhindern – leider! Gestern hat Toby sich auch wieder verletzt… Diese unbewussten Selbstverletzungen führen zu häufigen Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten (ich kann meine Krankenhausaufenthalte in den letzten Jahren nicht mehr zählen). Nicht selten müssen die Betroffenen sogar zum Selbstschutz in geschlossene Einrichtungen bis hin zu Isolierzimmern eingewiesen werden. Dies ist oft nicht freiwillig! So wurde ich auch schon ein paar Mal mit einer Verfügung (fürsorgerischen Unterbringung, FU) eingewiesen. Zum Glück, muss ich sagen, wurde ich nicht zwangsmedikamentiert – das wäre noch schlimmer! Dazu kommt noch die soziale Verachtung – jeder hat das Gefühl, dass das absichtlich gemacht wurde. Das ist meist die erste Frage, die mir in der Notaufnahme oder auf der Intensivstation gestellt wird – und schon wird man in eine Schublade gesteckt. Ich persönlich fühle mich jedes Mal sehr unwohl, wenn sich medizinisches Fachpersonal nun um mich kümmern muss für etwas, das nicht passieren sollte. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich ihnen (und meinen Angehörigen) das zumute. Ich weiß, dass ich es nicht ändern kann. Ich bin mir dessen auch bewusst, aber ich bin trotzdem schockiert. Ich weiß, was auf mich zukommt – psychiatrische Klinik für ein paar Wochen und eine ganze Ladung sedierender und antipsychotischer Medikamente. Ob das nun richtig ist oder nicht, lasse ich mal dahingestellt – das sollen die Experten beurteilen.

Sichtbar bleiben die Narben, die ich verursacht habe – sie erinnern mich daran, dass es mir auch schlechter gehen kann. Ich schäme mich nicht dafür, sie sind ein Teil von mir geworden. Trotzdem könnten manche Leute ein bisschen weniger starren – das wäre toll.


„And my scars remind me; that the past is real…“

Papa Roach – „Scars“


Eine Studie (Loewenstein 2018) ergab, dass 60% bis 80% der DIS-Patienten von Suizidversuchen berichteten; 78% berichteten von nicht-suizidalem selbstzerstörerischem Verhalten, was auch meine Erfahrung widerspiegelt. DIS-Patienten sind meist schwer traumatisiert und können Ich-Zustände („Persönlichkeiten“) entwickeln, die die Personen repräsentieren, die für die traumatischen Ereignisse verantwortlich waren. Ich verstehe das so, dass man die Bestrafung (oder was auch immer) so weit verinnerlicht hat, dass man unbewusst das Wirken dieser Personen fortsetzt. Nach dem Motto: „Wenn ich nicht bestraft werde, muss ich mich selbst bestrafen.“ Eine andere Erklärung ist, dass DIS-Patienten sich selbst verletzen, um ihren Körper wieder zu spüren. Das hat nichts mit Aufmerksamkeitssucht zu tun, ein Vorurteil, das immer noch weit verbreitet ist. Über Vorurteile gegenüber DIS-Patienten werde ich zu einem späteren Zeitpunkt schreiben.
Es ist erschreckend und eigentlich unvorstellbar, dass unser Verstand zu so etwas in der Lage ist. Stellt euch nur die Energie vor, die ein Körper aufwenden muss, um diesen Schaden anzurichten – in welcher Form auch immer. Diese Ich-Zustände, die das verursachen, sind oft (wie Toby) sehr entschlossen und gewillt, die Sache durchzuziehen. Jedoch hat die Selbstverletzung nicht immer nur eine negative Funktion. Zum Beispiel ist die (sichtbare) Selbstverletzung oft ein Warnsignal an die unmittelbare Umgebung, dass es für den Betroffenen schwierig ist, mit der aktuellen Situation fertig zu werden. Versteht mich nicht falsch – ich möchte Suizidversuche und Selbstverletzungen nicht verherrlichen. Jeder Suizid(versuch) ist einer zu viel. Ich will auch nicht auf das Leid eingehen, das die Angehörigen empfinden müssen – ich denke, das versteht sich von selbst.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder DIS-Patient, der sich unbewusst selbst verletzt, es im Nachhinein bereut. Wie ich bereits erwähnt habe, schmerzen die sichtbaren Narben nicht nur im jeweiligen Moment, sondern beeinflussen oft auch soziale Interaktionen. In meinem Fall kann ich im Sommer nicht mit kurzen Hosen und T-Shirt einkaufen gehen, ohne dass die Leute auf meine Arme und Beine starren. Warum macht ihr kein Foto? Selbstmord und Selbstverletzung sind immer noch ein Tabuthema – niemand will darüber reden. Ich glaube, wenn wir darüber sachlich diskutieren, könnten wir erreichen, dass die Gesellschaft das Leiden von DIS-Patienten besser versteht. (Anmerkung: Das gilt natürlich nicht nur für DIS-Patienten, sondern natürlich auch für Patienten mit anderen Erkrankungen) Ich weiß, das war jetzt ein schwieriger Text – dennoch hoffe ich, euch die Notlage von DIS-Patienten ein wenig näher gebracht zu haben. Es wird in Zukunft auch lustigere und fröhlichere Momente geben – keine Sorge!

– Emily

In English:

https://be-many.medium.com/lets-talk-about-suicidality-and-self-harm-still-a-taboo-9a89b4e99d05

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