Mythos: Schizophrenie ist gleichbedeutend wie „gespaltene Persönlichkeit“

Kaum ein anderer Mythos hält sich so hartnäckig, wie derjenige, dass die Schizophrenie gleichbedeutend mit einer gespaltenen Persönlichkeit ist. Ich muss gestehen, auch ich habe das lange Zeit gedacht, wurde aber im Medizinstudium eines Besseren belehrt. Dort kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit beiden Krankheitsbildern. Was ich damals noch nicht wusste: auch ich bin davon betroffen! Ich leide (retrospektiv gesehen) schon seit Jahren an einer „gespaltenen Persönlichkeit“ oder professionell ausgedrückt, unter einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS, Syn: multiple Persönlichkeitsstörung). Bis ich die definitive Diagnose erhielt war es ein steiniger Weg, geprägt von vielen Therapie-Misserfolgen und „Fehldiagnosen“. Unter anderem wurde bei mir zu Beginn eine Borderline Persönlichkeitsstörung (BPD) festgestellt und für eine kurze Zeit konnte eine Schizophrenie nicht ausgeschlossen werden. Ich möchte in diesem Text die Unterschiede zwischen einer DIS und Schizophrenie erläutern, in der Hoffnung, dass meine Leserschaft dieses Wissen weitervermitteln kann.

Typisch für die DIS und die Schizophrenie ist das Hören von Stimmen.

Historisch gesehen ist die Verwechslung des Begriffs „gespaltene Persönlichkeit“ mit der Schizophrenie nicht ungewöhnlich. Die Ursache liegt im Ursprung des Wortes Schizophrenie (griech. schizein: spalten; phren: Geist), sodass alltagssprachlich der Ausdruck falsch verwendet wird. Rund 1% der Allgemeinbevölkerung leidet an einer Schizophrenie, damit ist sie in etwa gleich häufig wie die DIS. Die Ursache ist bis heute ungeklärt (ca. 70% genetisch, 30% Umwelteinflüsse) und wird als multifaktoriell beschrieben. Folgende Symptome sind charakteristisch: (Paulitsch 2019)

  • Wahnerlebnisse: Verfolgungswahn, Beziehungswahn, Liebeswahn, Grössenwahn etc.
  • Akustische Halluzinationen: Stimmenhören, Gedankenlautwerden
  • Psychotische Ich-Störung: Verschwimmen der Grenzen zw. Ich und Aussenwelt
  • Formale Denkstörung: Neologismen (unübliche Begriffe), Gedankenabreissen etc.
  • Affekte: unpassender Affekt, eingeschränkter emotionaler Kontakt, Affektverarmung
  • Katatone Symptome: Hyper- (zu viel) oder Hypokinesien (zu wenig Bewegung)
  • gestörtes Sozialverhalten: Verwahrlosung, Rückzug, Affektarmut, Energielosigkeit

Es gibt verschiedene Formen der Schizophrenie, auf die ich hier nicht genauer eingehen werde. Schizophrene Symptome, wie ich sie oben erwähnt habe, werden häufig auch als psychotisch betitelt – meist also Synonyme, nur falls ihr mal darauf stösst. (Notiz: Schizophrenie ist eigentlich eine Unterform der Psychose!) In der Akutphase steht die Therapie mit Antipsychotika im Vordergrund, während in späteren Phasen die psychosoziale Therapie an Bedeutung gewinnt, doch dazu später mehr. Falls ihr mehr erfahren wollt, wie die Patienten/-innen die Erkrankung erleben, dann lest den Blog meiner geschätzten Kollegin Gina Messerli „Daily Cup of Madness“ (siehe Link am Ende).

Bei der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) handelt es sich um eine komplexe Traumafolgestörung, bei der Betroffene mehrere „Persönlichkeiten“ (sog. Ego-States) aufweisen. Charakteristisch sind Erinnerungslücken, akustische Halluzinationen, Intrusionssymptome (wie Flashbacks), Selbstverletzungen und andere Veränderungen des Bewusstseins. Die Ursache liegt klar in traumatischen Erlebnissen während der Kindheit, sodass sich die Persönlichkeit beginnt abzuspalten (sog. Dissoziation) in verschiedene Sub-Persönlichkeiten, sog. Ego-States. Diese Ego-States haben ihr eigenes Denken, Handeln, Fühlen von Emotionen und ihre eigenen Erinnerungen. Ich beispielsweise habe 12 solcher Ego-States, die ich in vorherigen Beiträgen ausführlich beschrieben habe. Dies ist ein Schutzmechanismus, um traumatische Erlebnisse „auszublenden“/zu vergessen – also eigentlich sinnvoll. Das Problem ist bei DIS-Patienten, dass diese Dissoziationen auch dann auftreten, wenn eigentlich gar keine Gefahrensituation mehr herrscht. Therapeutisch kommt die Ego-States Therapy (nach Watkins & Watkins) zum Zuge sowie andere traumaorientierte Therapien. (siehe Blog)

Wieso können diese Erkrankungen verwechselt werden, mal abgesehen von der irreführenden Begriffsdefinition? Nun, bei beiden Krankheitsbildern ist das Auftreten von akustischen Halluzinationen typisch. Nur gilt es da zwischen psychotischen (Schizophrenie) und dissoziativen (DIS) Stimmen zu unterscheiden (siehe Dokument). Ich werde dieses Thema ausführlich in einem weiteren Beitrag abhandeln, nur so viel sei gesagt: In der Regel sprechen psychotische Stimmen auf Antipsychotika an, während dies bei dissoziativen Stimmen nicht der Fall ist. Die richtige Diagnosestellung hat damit unmittelbaren Einfluss auf das therapeutische Management. Zudem ist das formale Denken bei schizophrenen Patienten gestört und es kommen noch weitere Symptome (Affektarmut etc.) hinzu. Andere Unterscheidungsmerkmale findet ihr in Tabelle 1 „Voices: Are they dissociative or psychotic?“. Ich denke bei genauerer Betrachtung können die DIS und die Schizophrenie gut auseinandergehalten werden, man muss sich nur die Zeit nehmen, den Patienten gründlich zu untersuchen, und, am wichtigsten ist die Offenheit für diese Diagnosen. Ich erlebe es leider immer wieder, dass Fachpersonal nicht an die Diagnose der DIS glaubt…

Der Unterschied zwischen psychotischen und dissoziativen Stimmen.

Ich hoffe, dass ich euch diese schwer vorstellbare Welt etwas verständlicher machen konnte und hoffe, dass ihr diese Verwechslung nicht mehr macht. Insbesondere für schizophrene Personen ist es stigmatisierend, wenn ihnen eine gespaltene Persönlichkeit unterstellt wird – für mich als DIS-Patientin ist das hingegen völlig normal, da es zutrifft 😉

–Chantal

Daily Cup of Madness:

https://dailycupofmadness.com/2019/08/

In English:

https://be-many.medium.com/myth-schizophrenia-is-synonymous-with-split-personality-9470a86620a1

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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