„Wir dachten, Sie säßen nur im Rollstuhl – aber so sind Sie ein zu großes Risiko!“

Ich glaube, ich war zum ersten Mal buchstäblich sprachlos, seit bei mir eine dissoziative Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeitsstörung) diagnostiziert wurde. Nach einem eigentlich erfolgreichen Telefonat (mit einer Einladung zum folgenden Vorstellungsgespräch) traf mich der Hammer. Die Frau am Telefon erkundigte sich nach dem Grund meiner Rente – da erzählte ich ihr, dass ich an DIS und komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (cPTBS) leide. Ihre Reaktion war im ersten Moment schockierend, danach konnte ich darüber lachen (weil es so absurd ist):

„Wir dachten, Sie säßen nur im Rollstuhl – aber so sind Sie ein zu großes Risiko! Wir wissen nicht, wie sich Ihre Krankheit auf den Kundenkontakt auswirken wird. Aus diesem Grund müssen wir das Vorstellungsgespräch absagen. Es tut uns leid!“

Das ist nicht nur beleidigend für Rollstuhlfahrer, sondern verfestigt auch das negative Image von DIS-Patienten! Für mich, eine ehemalige Medizinstudentin, die ihr Bachelorstudium mit Bestnoten abgeschlossen hat und eine Berufstätige mit langjähriger Erfahrung als Krankenschwester, wissenschaftliche Hilfskraft, akademische Tutorin und Verkäuferin – völlig unverständlich! Obwohl ich die Ich-Zustände (manchmal mehrmals am Tag) wechsle, habe ich in meinen Interaktionen mit Patienten, Klienten und Studenten NIE ein Feedback erhalten, das mir die Unfähigkeit unterstellt, sozial adäquat zu interagieren. In Anbetracht der Tatsache, dass ich seit der Pubertät an DIS-Symptomen leide und es lange Zeit nicht bemerkt wurde – ist es unwahrscheinlich, dass die Krankheit mich plötzlich so stark beeinträchtigt, dass ich jemand anderem schaden könnte. (siehe „Wie wir erkannten, dass ich an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leiden könnte“). Da ich rebellisch und pubertär bin, kämpfte ich in dieser speziellen Situation wirklich mit meinen Emotionen. Ich war so wütend, dass ich mich fast zu einer emotionalen Reaktion verleiten ließ (zum Glück hat mich der Philosoph gebremst ;-)). Was hättet ihr getan? Meiner Meinung nach gab es 3 Möglichkeiten, ratet einfach – welche habe ich gewählt?

  1. Ich gehe auf die Barrikaden, sage unverblümt meine Meinung und verlange, mit dem Chef zu sprechen, um meinen Unmut kundzutun.
  2. Ich sage dieser Person sachlich, dass es okay ist, jemandem wie mir eine Chance zu geben. Immerhin habe ich durch mein erfolgreiches Studium und meine bisherige Berufserfahrung gezeigt, dass ich belastbar und kundenorientiert bin.
  3. Ich sage nichts und lasse es dabei bewenden.

Was lerne ich aus dieser Geschichte? Sage niemals die Wahrheit – Unsinn! Ich denke, ich kann nichts dafür, dass ich an dieser Krankheit leide und ich habe 15 Jahre lang bewiesen, dass es mehr oder weniger möglich war, ein einigermaßen „normales“ Leben zu führen. Außerdem ist mir der menschliche Kontakt nicht fremd (Berufserfahrung, Studium), was die Aussage dieser Frau noch absurder erscheinen lässt. Ich möchte nicht an einem Arbeitsplatz arbeiten, an dem eine solche Diskriminierung/Stigmatisierung praktiziert wird. Das Vorurteil, dass DIS-Patienten gefährlich sind, hält sich hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen. Das liegt vor allem daran, dass die Darstellung in Hollywood-Filmen meist negativ und zu extrem ist. Man denke nur an den Netflix-Klassiker „Split“. Echte Fans werden erkennen: „Etcetera! ;-)“. Auf beide Aspekte werde ich ein andermal ausführlicher eingehen – jetzt bin ich zu faul. Aber, ich habe auch positive Erfahrungen gemacht! Ich bin froh, dass ich jetzt die Chance bekommen habe, in einem Krankenhaus als studentische Hilfskraft zu arbeiten (es ist mein dritter Versuch an der gleichen Stelle) – meine Chefin ist die Beste der Welt! Aber auf welche Schwierigkeiten stößt man bei der Arbeit mit DIS-Patienten? Was kann man für sie tun? In zukünftigen Artikeln werde ich auf diese beiden Fragen näher eingehen. Bis bald!

- - Tim

In English:

https://be-many.medium.com/we-thought-you-were-just-in-a-wheelchair-but-youre-too-much-of-a-risk-that-way-455d535aef6e

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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