Wie wir erkannten, dass ich an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leide.

Wie bereits in meinem letzten Beitrag erwähnt: Der diagnostische Prozess der dissoziativen Identitätsstörung (DIS, Synonym: multiple Persönlichkeit) ist oft langwierig und mit anfänglichen Fehldiagnosen verbunden. Ich (und meine Therapeuten) haben fast 15 Jahre gebraucht, um die Puzzleteile (Anzeichen und Symptome) zu einem schlüssigen Krankheitskonzept zusammenzusetzen. Jeder DIS-Patient zeigt andere klinische Symptome, die oft Teil anderer psychischer Erkrankungen sind (wie z.B. akustische Halluzinationen, Depressionen oder Selbstverletzungen). Mit diesem Beitrag möchte ich mit euch teilen, wie alles begann und wie wir schließlich zu der passenden Diagnose kamen.

Vorab möchte ich anmerken, dass der Inhalt des folgenden Textes erst im Nachhinein im Rahmen einer konkreten Therapie erstellt werden konnte. Ich bin jetzt 27 Jahre alt und habe erst vor kurzem die Diagnose DIS erhalten. Die ersten Anzeichen der Krankheit traten jedoch bereits in der Pubertät/Adoleszenz auf. Soweit ich mich erinnern kann (und nach Erzählungen anderer), habe ich bereits mit etwa 12 Jahren begonnen, mir selbst Schaden zuzufügen. Dazu gehörte unter anderem das Kratzen an den Unterarmen oder das Schlagen mit der Hand gegen die Wand. Während dieser Zeit war ich eine „Meisterin des Versteckens“ – die meiste Zeit bemerkte niemand, dass ich diese Verletzungen hatte. Im Gymnasium kamen dann Symptome wie Gedächtnislücken bei alltäglichen Ereignissen, Stimmenhören, Depressionen und Panikattacken hinzu. In meiner Jugendzeit spielte ich professionell Fußball für verschiedene Vereine und die Junioren-Nationalmannschaften. Aus heutiger Sicht war dieser Umstand wohl ausschlaggebend dafür, dass ich meinen Alltag grundsätzlich meistern und die Schule mit guten Noten abschließen konnte – ich hatte ein Ventil! Aus diesem Grund war ich damals auch nicht in psychotherapeutischer Behandlung und niemand vermutete, dass ich an einer psychischen Erkrankung leiden könnte (obwohl ich mich erinnere, dass mein Physiotherapeut einmal erwähnte, ich wäre ein wenig „autistisch“ – was auch immer das heißen mag ;-)).

Die wirklichen Probleme begannen, als ich im Alter von 19 Jahren mit dem Fußballspielen aufhörte und ein Medizinstudium an der Universität begann. In meinen frühen Zwanzigern hatte ich auch starke Stimmungsschwankungen und die Selbstverletzungen nahmen kontinuierlich zu. Besonders in Stresssituationen (vor Prüfungen, Streit in der Partnerschaft oder unter Freunden, körperliche Erkrankungen etc.) verschlechterte sich mein Zustand. Das gipfelte im Mai 2018 in akuter Suizidalität – der Grund, warum mich meine beste Freundin notfallmäßig zum Psychiater brachte. Was dann folgte, war eine reine Odyssee: Ich fiel in eine tiefe Depression, fügte mir lebensbedrohliche Verletzungen/Vergiftungen zu und entwickelte eine Essstörung. Das Hauptproblem war, dass ich mir oft nicht bewusst war, was ich da tue. Ich habe mich zum Beispiel selbst verletzt, ohne mich danach daran erinnern zu können. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten über drei Jahre, (aus heutiger Sicht) unzureichenden Diagnosen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) oder Schizophrenie und verschiedenen Behandlungsversuchen (psychotherapeutisch und medikamentös) wurde bei mir 2021 schließlich die Diagnose DIS gestellt.

Heute sind die klinischen Manifestationen immer noch vorhanden. Ich wechsle fast täglich zwischen verschiedenen psychischen Ich-Zuständen („Persönlichkeiten“), leide unter chronischen Depressionen oder akustischen Halluzinationen (Stimmen), und leider verletze ich mich oft. Seit ein paar Monaten bin ich neu diagnostiziert mit DIS und erhalte eine entsprechende Therapie. Wir (die Psychotherapeutin und ich) entdecken ständig neue Facetten (oder Ich-Zustände). Dies erreichen wir zum einen durch das Führen eines detaillierten Tagebuchs, in dem ich alles (Ereignisse, Emotionen, Gedanken, etc.) festhalte, und zum anderen durch spezifische Psychotherapie (z.B. Ego-States-Therapie, traumabezogene Therapie) und Erzählungen von anderen Menschen (wie z.B. meinem Mann). Weiterhin nutzen wir das Skills-Manual „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“ von Suzette Boon et al. (für englischsprachige Personen: „Treating Trauma-Related Dissociation: A Practical, Integrative Approach“), um ein Konzept für die Krankheit und das damit verbundene Verständnis von Identität und Selbstbild zu entwickeln. Ich kann dieses Buch allen Patienten, Therapeuten und allen Menschen empfehlen, die sich für DIS und komplexe Traumastörungen interessieren.

Im nächsten Beitrag werde ich euch die verschiedenen Facetten meiner Persönlichkeit vorstellen – im Moment sind es 8! Es wird ein kurzer Überblick sein und soll euch eine Vorstellung davon geben, worum es bei der DIS geht und was wir mit Ich-Zuständen meinen. So könnt ihr erahnen, welcher davon gerade posted, und ich werde in zukünftigen Artikeln darauf Bezug nehmen.

–Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/be-many-how-we-realized-that-i-might-be-suffering-from-multiple-personality-disorder-b27d5fe02dcd

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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