„Eine Wohngemeinschaft“ – ein Überblick über meine 8 Ich-Zustände.

Wenn eine Persönlichkeit aus einer Traumasituation heraus erschaffen wird, kann die Persönlichkeit beobachten und lernen, indem sie mit den Augen und Ohren schaut und hört. Die Persönlichkeit muss nicht derjenige sein, der für den Körper verantwortlich ist, um zu wissen, was vor sich geht. Wenn die Persönlichkeit erschaffen wird, während Sie ein sehr junges Alter haben, kann diese Persönlichkeit in diesem Alter bleiben, auch wenn Sie wachsen und reifen. Eine Persönlichkeit kann auch in der Erinnerung verborgen sein, die sie erschaffen hat, und sie merken nicht, dass die Zeit weitergegangen ist.“
Angel Ploetner, Wer bin ich? Überlebender einer dissoziativen Identitätsstörung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS, syn: multiple Persönlichkeitsstörung) ist neben anderen Symptomen durch eine aufgespaltene „Persönlichkeit“ in verschiedene Ich-Zustände gekennzeichnet, die unterschiedliche Eigenschaften (Verhalten, Emotionen, Vorlieben etc.) haben. Diese Ich-Zustands-Theorie geht auf die Arbeit der beiden Psychotherapeuten John und Helen Watkins zurück, die bereits im letzten Jahrhundert Pionierarbeit mit ihrem Standardwerk „Ego States. Theorie und Therapie.“ (1997, 2007, mehr dazu später) leisteten. Oft wird DIS-Patienten die Aufspaltung ihrer Persönlichkeit in verschiedene „Persönlichkeiten“ abgesprochen – hier bietet die Ego-States-Theorie eine konsensfähigere Erklärung. Sie spricht bewusst nur von Teilen einer Persönlichkeit und nicht von verschiedenen Persönlichkeiten im engeren Sinne, weshalb diese Theorie in der Fachwelt breitere Zustimmung findet. Ich erlebe tagtäglich, dass das Konzept der unterschiedlichen Ich-Zustände noch nicht in den Köpfen aller Fachleute verankert ist und es kommt vor, dass DIS-Patienten vorgeworfen wird, sie würden schauspielern. Im Folgenden möchte ich zeigen, dass diese Ich-Zustands-Theorie im Alltag durchaus sichtbar ist. Ich werde euch meine verschiedenen Ich-Zustände vorstellen – bis heute sind es 8! Meine Psychotherapeutin und ich haben nur klar unterscheidbare Ich-Zustände definiert, was bei anderen DIS-Patienten vielleicht anders gehandhabt wird (deshalb ist es im Moment keine bizarrere Zahl). Ich möchte damit erreichen, dass ihr eine Vorstellung (und einen Überblick) davon bekommt, was mit verschiedenen Ich-Zuständen gemeint ist. Dies wird zum Verständnis der kommenden Beiträge beitragen und euch ermutigen, zu erraten, welcher Ich-Zustand gerade schreibt. Zur Vereinfachung und besseren Unterscheidung wurden die Ich-Zustände im Verlauf der Therapie mit Namen versehen. Ich möchte jedoch nochmals darauf hinweisen, dass dies nicht als „eigenständige Persönlichkeiten“ zu verstehen ist und keine Parallelen zu real existierenden Personen mit diesen Namen gezogen werden können. Wie ihr sehen werdet, werde ich eine bestimmte Reihenfolge einhalten, beginnend mit dem „jüngsten“ Ich-Zustand, gefolgt von den anderen in aufsteigendem Alter. Dieser Beitrag wird sehr persönlich und könnte auch triggernd für den Leser sein – seit also vorsichtig, wenn ihr ihn lest!

Kiki: Sie ist 6 Jahre alt und hat spezifische Eigenschaften. Zum Beispiel benutzt sie ihre eigene Sprache (anders als andere Ich-Zustände) und hat typische Vorlieben wie Disney-Filme schauen, kindliche Musik hören (sie hat ihre eigene Playlist auf Spotify!) und mit Teddybären spielen. Außerdem zeichnet sich dieser seltene Ich-Zustand durch die Fähigkeit aus, sich an den kleinen Dingen des Alltags zu erfreuen. Zum Beispiel kann Kiki bei Spaziergängen sehr fasziniert von Pflanzen sein oder spielt gerne mit unserem jüngsten Familienmitglied „Bailey“.

Tim: Er ist männlich (anders als mein biologisches Geschlecht) und ist etwa 16 Jahre alt. Er ist draufgängerisch, pubertär und freiheitsliebend, was sich darin zeigt, dass er gerne experimentiert (z.B. Alkohol). Außerdem kleidet er sich anders (z.B. eine Mütze), hört seine eigene Musik und hat sich offensichtlich in das Skateboardfahren verliebt (was die anderen Ich-Zustände total ablehnen!).

Tim bei seiner Lieblingsaktivität.

Chantal («Host Ich-Zustand»): Hallo zusammen, ich bin es, die diesen Artikel schreibt! Ich bin 27 Jahre (mein biologisches Alter) alt und ich bin verheiratet. Ich bin der funktionierenden Ich-Zustände im täglichen Leben. Ich habe den Überblick über alles und bin sehr analytisch und reflektierend – ich bin die Expertin in dieser „Wohngemeinschaft“, denn ich bin auch Forscherin und ehemalige Medizinstudentin. Zum Glück bin ich dominant (meistens im Vordergrund). Bislang bin ich der einzige Ich-Zustand, der sich seiner selbst im jeweiligen Moment bewusst ist.

Lena: Lena ist wie Chantal 27 Jahre alt, aber sie ist stark traumatisiert und leidet unter Panikattacken. Deshalb ist sie ängstlich und hat häufig Flashbacks und Albträume. Sie ist oft nachts anwesend (die Gründe dafür werden in weiteren Posts erklärt). Es ist ein Ich-Zustand, der die Lebensqualität extrem einschränkt, da ich oft nicht schlafen kann oder mich in unpassenden Situationen ängstlich fühle.

Toby: Das ist der Ich-Zustand, vor dem ich wirklich Angst habe. Er ist im gleichen Alter wie Chantal und verletzt sich ganz offensichtlich selbst. Er ist voller Schuldgefühle, hoffnungslos und fühlt sich anderen gegenüber minderwertig. Er hasst sich selbst und ist von Selbstzweifeln geplagt. Ich kann mich an diesen Ich-Zustand nur erinnern, weil ich die Verletzungen an meinem Körper sehe oder mich plötzlich auf einer Intensivstation wiederfinde. Dieser Ich-Zustand ist mir in diesem Moment gar nicht bewusst, weshalb ich mich nur „ungewollt“ verletze, was zu sehr gefährlichen Situationen und häufigen Krankenhausaufenthalten führt. Leider gibt es viele Auslöser, die diesen Ich-Zustand in den Vordergrund rücken (siehe weitere Beiträge), weshalb Toby oft präsent ist.

Emily: Sie ist ebenfalls 27 Jahre alt und bricht oft in Tränen aus. Dieser Ich-Zustand ist auch der Grund, warum ich so viele Antidepressiva nehmen muss (weil er durch starke Stimmungsschwankungen gekennzeichnet ist). Wie Toby ist sie selbstzweifelnd und hoffnungslos, aber ihr fehlt oft plötzlich die Energie, weshalb sie im Gegensatz zu ihm keine Energie hat, sich etwas anzutun.

Svea: Wie Kiki ist sie nur selten anwesend, aber wenn, dann ist es ein echter Albtraum! Dieser Ich-Zustand ist gekennzeichnet durch ein extremes Schwarz-Weiß-Denken (fatalistisch), einen „Borderline“-Anteil und extreme Emotionen (z.B. schreit sie oft andere an oder verletzt andere Menschen verbal). Sie ist sehr unberechenbar und führt vor allem zu problematischen sozialen Situationen. So hat sie sich oft mit anderen gestritten und wollte sich sogar scheiden lassen. (zum Glück bin ich mit einem stoischen Philosophen verheiratet :-))

Lia: Das ist der Ich-Zustand, den ich am meisten mag (abgesehen von Chantal), weil sie kraftvoll ist, übermäßig viel Energie hat (z.B. „All-Nighters“ macht, Marathons läuft) und sehr selbstbewusst ist. Sie ist sehr reif (ca. 40 Jahre alt) und sowohl karriere- als auch leistungsorientiert. Manche würden sie als manischen Ich-Zustand bezeichnen, weil sie viel arbeitet, aber wenig schläft, und, sie ist selbstüberschätzend. Fun fact: Im Nachhinein betrachtet war sie es wahrscheinlich, die die Masterarbeit in nur 2 Wochen geschrieben hat!

Lia während ihrem ersten Marathon.

Das sind bis jetzt alle Ich-Zustände, die ich zusammen mit meinem Therapeuten erarbeitet habe. Manche davon sind harmlos oder sogar erwünscht, andere würde man intuitiv lieber vermeiden. Ziel der Therapie ist es, alle verschiedenen Ich-Zustände „kontrolliert“ zuzulassen und die Interaktion zwischen ihnen zu fördern. Dies ist ein Versuch, die verschiedenen Ich-Zustände in ein inneres Team (oder eine „Wohngemeinschaft“ – wie auch immer ihr es nennen wollt!) zu integrieren oder zumindest das Zusammenleben zu verbessern. Klingt komisch – oder? Nächste Woche gebe ich euch ein Beispiel dafür, wie eine Behandlung im Anfangsstadium aussieht. Bis dann!

–Chantal

In English:

https://be-many.medium.com/a-flat-sharing-community-an-overview-of-my-8-ego-states-11adf026e704

Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation

Liebe Community, Wie in allen Dingen des Lebens – man entwickelt sich stets weiter. „Be Many!“, ein Blog der primär aus dem Nähkästchen im Leben einer Patientin mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erzählt, wagt einen Schritt in den nächsten „Lebensabschnitt“: Ab sofort arbeitet „Be Many!“ mit der Online-Plattform Netzwerk: Trauma & Dissoziation zusammen. Klingt ähnlich?„Neue Zusammenarbeit mit Netzwerk: Trauma & Dissoziation“ weiterlesen

Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann

An anderer Stelle dieses Blogs habe ich bereits von der Wichtigkeit des Tagebuchs im Leben einer Person mit dissoziativer Identitätsstörung erwähnt. Wie Ihr wisst, habe ich lange mit der Diagnose der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline) gelebt. Dort lernte ich die sogenannte dialektisch behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan kennen. Linehan war selbst Borderline-Patientin und entwickelte diese„Wie man als DIS-Patientin den Tag dokumentieren kann“ weiterlesen

Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist

Als eifrige Leser meiner Beiträge zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wisst ihr, dass dieses Krankheitsbild selten allein auftritt. Fast immer geht es mit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) einher, welche durch das Wiedererleben der traumatischen Situationen (Flashbacks, Intrusionen), dem Vermeiden von Dingen, die einen an das Erlebnis erinnern und dem erhöhten Gefühl des Bedrohtseins charakterisiert ist. Auch„Wenn die Begleitdiagnose keine Nebensache ist“ weiterlesen

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